Montag, 19. Januar 2009

06:30 Springweg

Morgens im Dunkeln der Aufprall. Scheinwerfer und dann dunkel und Blitze zucken vor meinen Augen. Mein Gesicht auf kaltem Glas, das nachgibt und ein dumpfes Geräusch von sich verbiegendem Blech unter mir. Reifenquietschen und mein Körper rutscht von Blech – ich kann mich nicht halten – auf kalten, harten Asphalt.

Mein Arm – am Oberarm wird mein Pulli warm und nass und meine Schulter tut weh. Irgendwas ist mit meinem Schienbein. Einer meiner Schuhe fehlt.
Von hinten kommen schnelle Schritte und weiter weg ein kurzes Winseln und dann: »Sie tauchte einfach aus dem Nichts auf!« und eine Autotür schlägt zu und ich spüre nur noch meinen Körper, meinen Arm, mein Bein, mein langes, weiches Haar auf dem Gesicht, ein Herz, das pulsierend Blut schickt und den Atem, der mir im Hals steckt und nur schubweise seinen Weg findet.

Eine warme Hand an meinem Gesicht streicht mir die Haare weg »was tut dir weh?». Kurze Bestandsaufnahme: »Arm und Schulter links... komischer, stechender Schmerz. Schienbein links... tut weh. Hüfte links... nicht ganz so schlimm. Irgendwas ist mit meinem Rücken komisch... der Rucksack muss weg.« Ich versuch es schon, als ich es sage und dann kommt vorsichtige Hilfe von der fremden Hand und eine warme Frauenstimme »so ein junges Mädchen...« und legt mir etwas Warmes, Weiches unter den Kopf.
Die Frau sagt weiter weg Straßennahmen und was mit Auto und Arm und Bein und die Stimme, die zur Hand gehört, redet ruhig und warm und stellt Fragen: Ja, meine Eltern sind noch zu Hause. Ja, das ist gleich um die Ecke. 912122 und ich sage meinen Namen.

Es ist still und dunkel und ich spüre nichts. »Jetzt bin ich tot«, denke ich und bin kein bisschen beunruhigt. Ganz klare Gedanken sind da und es ist, als bestünde ich nur noch aus ihnen. Ich bin meine Gedanken – sonst ist nichts von mir da. Es ist als schwämme ich durch einen engen Kanal zähen Klebstoffs – so schwer ist es zu denken und doch so klar was sich dann entwickelt. »Vielleicht doch noch nicht vorbei« denk ich »hoffentlich ist nichts mit meinem Kopf!« und ich überprüfe, ob noch alle Erinnerungen da sind: Die Namen meiner Eltern und Geschwister – sind da. Mein Name – ist da. Die Beatles – George, Paul, Ringo, John, rotes Album, blaues Album, weißes Album, Revolver, Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band, Abbey Road, Let It Be... mehr Alben habe ich nicht und heute ist der neunte elfte neunundneunzig und ich bin nicht tot! Und mit meinem Kopf ist auch alles okay! Kein Grund zur Panik! Keine Panik!

Dann kommt mein Gehör langsam zurück – erst nur dumpf als inhaltsloses Geräusch und dann als Worte – erst leise, dann immer lauter ein nervöses: »Was soll ich denn jetzt machen?« »Na einfach aufschneiden!« und ich habe Angst, versuche meine Augen zu öffnen, doch es geht nicht. Versuche zu schreien – nichts passiert, lege all meine Kraft darin die Lieder zu heben – ein Licht und ein schmales Männergesicht mit blonden Haaren »Sie braucht noch was!« und dann wieder im Dunkeln.

Neue Stimmen nur ganz leise... ein Winseln, Röcheln, Schreien – so fremd und unmenschlich, aber es gehört zu mir. Ein Lufthauch und metallene Räder auf Fliesen, Türen gehen auf und ich bin wieder weg.

Augen auf – eine weiße Decke und ein Schlauch – Augen zu.
Augen auf – meine Mutter sitzt neben mir, mein Hals ist trocken, da ist was in meinem Hals – Augen zu.
Augen auf – meine Mutter hat rote Augen, ich kann nicht sprechen – Augen zu.
Augen auf – meine Mutter sitzt in einem Stuhl neben dem Bett und wirkt ganz hilflos, hält sich an ihrer Handtasche fest und lächelt mich bitter an. »Wie geht es dir?« »Mein Hals tut weh – kann ich das wegmachen?« »Ich weiß nicht, ich frag mal« und dann kommt eine Frau, die meinen Nacken vorsichtig aus der Schaumstoffstütze befreit.
Ein Zimmer ohne Fenster und ich hab sowieso jegliches Zeitgefühl verloren – nur dieses künstliche Licht. »Wie spät ist es?« Augen zu.

Meine Mutter lächelt wieder so bitter und ich weiß, dass sie grad ihre Tränen herunterschluckt – ich seh wohl schlimm aus, aber soweit ich das beurteilen kann ist noch alles dran – zwei Arme und die Decke wirft Falten... zwei Beine vermutlich.
»Wie spät ist es?« Meine Mutter lächelt, aber ihre Mundwinkel sind so eigenartig... »Dreizehn Uhr sechsundvierzig« »So lange?« und sie nickt nur und kramt verlegen in ihrer Tasche.
»Was hab ich?« »Ich weiß nicht so genau... dein Arm muss wohl gemacht werden und dein Bein und ich weiß nicht... aber du hast Glück gehabt« und ich seh ihr an, dass sie mich gern anfassen würde, aber sich nicht traut. Sie hat Angst was kaputt zu machen...
Ich lächel sie kraftlos an und schließe die Augen...

Die Frau von vorhin kommt und erzählt von Narkose und Operation »Wie spät ist es?« »Vierzehn Uhr elf« und sie kommen mit einem Tropf und meine Mutter streichelt zaghaft meine Hand – Augen zu.

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