Samstag, 11. Juli 2026

Kläffende Wunden oder Drusenfieber sind Nudelholz wie Teiggesicht

 Aus der Reihe „Hallo in allen Sprachen dieser Welt:“ „A geh, griaß eich, dere! Servas, Hawaras!“ (Oder „Gfraster“? Hm. „Wursthaut“ ist ja bajuwarisch, von den „Rautenschneidern“, aber die Begrüßung soll aufgrund des Grazer Gastes, Stefan Schmitzer, steirisch sein. Anm. d. Prot.)

Verdichtet gesagt: War das am Montag wieder eine hohe Textdichte! Und hohe Beindichte – bis zu vier, bei Erika – und hohe Dichterdichte, selbst bei den Romanciers! Sowie gebührliches über-border-ndes Roaming, und ein – dem Spontan-Publikums-Preis der Anwesenden nach – Bachmannpreisträger-in-spe, aber: psst! Das Wort wurde vergällt, verpönt, verpökelt, vernongratiniert. Und obwohl alles deutschsprachig: Frau Holle die Waldfee / Percht, gibt es an unvermuteten Stellen – anders beim allseits bekannten Casus „Matura = Abi“ – Redewendungsabweichungen zwischen Ö und D, sag ich euch! Wie eine Nudeljacke, wie eine Teighose! Aber der Reihe nach, sprach einst eine Mathematikerin.

--- Eins: Ein Eins tieg.

"Das ist Erika, unser Literaspurhünd." – "Angenehm." – "Sie hat einen Sprachfehler: Wenn sie knurrt, während sie den Kopf in Deinem Schoß hat, heißt das, dass sie weiter gekrault werden möchte." – „Und wenn ihr mein Text nicht gefällt, beißt sie in der Position zu?“

"Das erinnert mich daran, wie sich unser Kind auf der Hundewiese ohne Vorwarnung mit vollem Karacho auf einen Kampfhund, Galactica, geworfen hat, der doppelt so groß und schwer war wie sie. Alle Beteiligten - inklusive der Kampfmaschine - guckten perplex, ohne zu reagieren."

"Und dann?"

"Naja, wie bei der Geschichte mit dem Presslufthammer und dem Ei: Hast Du gedacht, das Ei gewinnt? Nein, Quatsch: zum Glück alles gut, der Kampfhund hat dann einfach zurückgekuschelt."

„Seid ihr Team ‚mutig beim Ausprobieren neuer Eissorten, z.B. mit Kräuternoten‘ oder Team ‚ich vergleiche meine festen Eissorten quer durch die Dealer/Dielen?‘“ – „Bin nicht so der Süße. Aber apropos Teams: Ich bin ja normalerweise Team ‚kleiner Buchhändler‘, aber Bücher von Wortwerk-Kolleg:innen in kleinen Verlagen muss ich wegen langer Laufzeiten dann doch online bestellen…“

„Oh cool, etwas jazzige Saloonmusik zum Treffen! Aus welcher Box kommt die? Ach so, aus dem Biergarten…“

„Ein Neuer! Heißt Du Manuel, höhö?“ – „Rote Karte für diese WM-Anspielung!“ – „Die nimmst Du sofort zurück, sonst weise ich Deine Mannschaft aus! Jedenfalls willkommen! Ach, Du bist es, Tamás. Mit Bart und Mütze warst Du aber wirklich kaum wiederzuerkennen!“

„Wie verzweigt sich der Stammbaum des pegnesischen Blumenordens?“ – „Übrigens: die Mitgliederbeiträge sind deutlich moderater als beim PEN, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Also bitte gefälligst bezahlen! Nein, Du nicht, wenn Du gar nicht Mitglied dort bist.“


 --- Zwei: Der schulische Weg

Bettina: „Ich belebe gerade ein altes Projekt wieder, das schon ein paar Jahre unvollendet in der Schublade ruht. Daraus will ich euch einen Dialog vorlesen. Ach, Coralie muss gleich aufbrechen? Gut, dann wird ihr Text vorgezogen.“

Die noch schulpflichtige Ich-Erzählerin berichtet von ihrer Freundin, die daheim keine Förderung beim Lernen erhält, im Gegenteil. Sie hilft ihr auch nur sporadisch, und steht nicht genügend für sie ein; macht sich dafür Vorwürfe, aber „ich erkenne immerhin die Linie.“ Wie immer einige Satzperlen wie "die Abwesenheit von Wörtern" (im bildungsfernen Elternhaus). Frage an die Runde: wie soll der Text sich weiterentwickeln?

„Genau, jetzt müssen die Charaktere etwas erleben! Aber was? Ein Drama auf einem Schulausflug?“

"Du kommst ja nicht aus einem bildungsfernen Elternhaus. Du müsstest Dich mit dem Thema nicht auseinandersetzen. Tust es aber. Allein das finde ich schon toll!"

Ausführliche Diskussion des Schulsystems, die gaußsche Glockenkurve auch bei Begabung, und wie Spannung ins Verhältnis der Protagonistinnen kommen kann: zieht die Freundin trotz mangelnder Förderung an ihr vorbei, da sehr begabt, vielleicht in einem Einzelfach wie z.B. Mathematik? Ein Zeitsprung, wie sie sich ein paar Jahre später entwickelt haben?

"Was mich interessiert: was hatte das Kind da auf dem Elternabend zu suchen?"

"Die Protagonistin, also nicht die Ich-Erzählerin, sondern die beschriebene Freundin aus dem bildungsfernen Elternhaus, solltest Du klarer herausarbeiten. Vielleicht ein Mathegenie? Bekommt sie wie bei ‚Good Will Hunting‘ mit Matt Damon und Robin Williams einen Guide zur Seite gestellt?"

„Also die Bekannte, die Personalerin bei Siemens ist, sagt, dass ihr Leute lieber sind, die sich durchgebissen haben.“ – „Zuversicht. Das ist das Wichtigste, was man Kindern mitgeben kann und muss.“

„Als Nebencharaktere vielleicht noch eine Art Good Cop / Bad Cop bei den Lehrern?“ – „Ja ja, die Lehrer:innen...“ … die Runde versinkt für ein paar Sekunden in Schweigen und Erinnerungen. „Man hat fürs Leben gelernt: Die schlechten musste man entweder ignorieren oder mit den zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen.“

„Mama, rufst Du mich dann an, damit ich auf dem Nachhauseweg weiter hier mithören kann?“ (Das Multimedia-Angebot der Wortwerk-Treffen muss definitiv ausgebaut werden! Anm. d. Prot.)

„Ja, ja, wenn Coralie dereinst im Kultusministerium arbeiten wird, werden Kritiker:innen den heute besprochenen Text hervorziehen … die einen, denen ihre Reformansätze zu weit gehen, mit den Worten: ‚seht diesen alten Text von ihr, sie war schon immer Revoluzzerin!‘ ... die anderen, denen ihre Reformansätze nicht weit genug gehen, mit den Worten: ‚seht diesen alten Text von ihr, da hatte sie noch Feuer / Pfeffer / Eifer / whatever, aber jetzt?‘“


--- Drei: Bilateral dialogisch

„Jetzt aber Dein Dialog, Bettina!“ – „Wider den Konsensbrei. Es geht um die Geschichte von Jan und Antonia…“ - Die wahre Antonia: "Schön, dass Du Dir schöne Namen für die Charaktere herausgesucht hast!" 

Die Journalistin versucht durch provokative Fragen, die makellose Fassade des Politikers einzureißen: „Mit Deiner Eloquenz und körperlichen Präsenz ist so eine glatte, überlegene Haltung ja auch keine Kunst.“

„Und die Frage an euch: Dieser Perspektivwechsel in der Mitte: Passt der so?“

„Jedenfalls ein sehr spannender Dialog! Ein Pokern, vorgetäuschte Provokationen und Arroganz… aber neben den beruflichen Interessen auch das private Flirten…“ – „Ja, klar, natürlich war das auch eine plumpe Anmache. Für Leser wie Dich sollte diese Erkenntnis auch durchscheinen.“ – „Ja, scheinbar scheinwahr.“ – „Der Dialog wirkt konstruiert, aber im positiven Sinne, als Stilmittel.“ – „Aber sagte Bettina nicht, dass es eine verdichtete bzw. gekürzte Mitschrift echter Gespräche ist?“

„Deine Protagonistin sagt irgendwann 'habest'". - "ICH als Autorin rede so, das passt.“ – „Naja, aber Deine Antonia nicht! Ich habe ihr das 'habest' nicht geglaubt. Nicht so radikal. Und wie alt ist die Ich-Erzählerin eigentlich? Von der Sprache her ziemlich jung.“ – „Nein, ich glaube, da haben wir den Kasus einer altersfälschenden allwissenden aber das Wissen nicht an die Leserschaft weitergebenden Erzählerin.“ – „Ja, aber die Bezeichnung 'Alt-Feministin' fiel doch?" – „Das könnte auch angelesen sein, aus Büchern des Vorjahrhunderts.“ – „Voll das Mansplaining hier.“

„Die Konstruiertheit der Dialoge erinnert an Erasmus Schöfer … kann ich jetzt gar nicht so wiedergeben, aber so der eine Stahlwerker zum anderen: ‚Willi! Was hältst du von den Beschlüssen des Ministeriums?‘ – ‚Ja, keine Ahnung haben die, oder?‘“ – „Stahlwortwerk. Gestähltes Wortwerk. Das Stahlwerk stahl Stahl oder eher das ‚Werk‘ von ‚Wortwerk‘.“ – „Die waren aber zuerst da. Und Stefan ist übrigens in der Band 'fun + stahlbad'“ – „Das erinnert mich an die Band Emma6, wo die in der Badewanne sitzen und singen...“ – „Zurück zum Text, bitte: Die Protagonistin fährt beim Provozieren ja eine Dreifachstrategie... der Flirtversuch verläuft ja auch sehr glatt...“ – „Nein, gar nicht!“ – „Doch!“ – „Oh!“

„Und wieso kam da jetzt ein 'Haha' bei der Erklärung zu ‚Heldinnenreise‘?" - "Weil ich als Erzählerin das zu profan und hier auch nicht richtig zutreffend finde.“

„Ich hätte gerne mehr Bilder und Beschreibungen in der Szene.“ – „Genau, wie bei Degenhardt: Im Eck steht immer ein kaputtes Auto.“ – "Später kommt eine Hafenlocation mit Containerschiffen, auf die beide Protagonist:innen mit Fernweh starren. Reicht das?“ – „Das ist dann Schweigen beim Fern-Sehen. Klassisches Bärchen- äh Pärchenverhalten." – "Aber ich möchte anmerken, dass es auch im Garten viele Bilder, Vergleiche, Metaphern gäbe..." - "Nein!" - "Doch!" - "Nein!“ – „Oh...der sie beobachten eine schwarze Witwe, die ihrem frischen Ex gerade den Kopf abbeißt..." – „Zum Glück ist das keine Demokratie. Sondern eine Autorin und ihr Text. Keine Bilder in der Gartenszene.“ – „Sie macht ihren eigenen Bildersturm.“

„Und wie bei der Jazzmusik hier im Hintergrund, die überhaupt nicht die Konzentration stört: Versuch noch zu variieren…“ – „Frage / Antwort, oder wie?“ – „Vielleicht eine Variante mit strikter Introspektive-Verweigerung, also komplett dialogisch?“ – „Das ist dann sozusagen eine gestellte Innenperspektive, was immer das auch heißt.“ - "Und sagtest Du vorhin 'Kater Murr' oder 'Katamor' und falls letzteres: was heißt das?"

(Du versuchst schon wieder unzuordnebare Notizfragmente in die angeblich stattgefundenen Dialoge zu mogeln! Anm. d. Red.) (Ich habe hier noch ein „Ich muss ihn in Schutz nehmen, wir hatten eine Zugverspätung wegen meiner Zum-Zug-Verspätung“ / „nein, er hat sich nicht schützend vor den Zug geworfen.“, das ich zeitlich und personell klar zuordnen kann, aber da passte es im Protocollage-Fluss grad nicht… Anm. d. Prot.)(Moment. Du versuchst hier ja immer eine Art Echtzeitablauf-Mitschrift ohne fancy Zeitebenen-Sprünge und so, und schaffst es dann nicht, das Mitgeschriebene an der richtigen Stelle einzuordnen? Wie schafft man das denn? Du schaffst mich … Anm. d. Red.)

"Jedenfalls drücke ich die Daumen für die Veröffentlichung dieses tollen Textes!" - "Habt ihr gehört? Lob von Stefan! Das ist was fürs Tagebuch." - "Na, na, diese Darstellung, also dass ich im Allgemeinen und im Speziellen Dich selten lobe, muss ich aufs schärfste kritisieren...“ – „Daher kommt der Spruch: Lob und Kritik liegen oft dicht nebeneinander.“ – „Oder Gelobte:r und Kritiker:in…“


--- Vier: Viererkette zensiert.

Nein, das wird erst fünf, denn wieder eine aufbruchszeitbedingte Rochade, Tamás: "Ich muss zum Zug, also lese ich. Teil Drei meiner Reiselyrik." – „Die solltest Du dann im Zug den Mitreisenden auch noch mal vorlesen, ist dann authentisches Setting und so …“

„Wie heißt das bei Steinen, wenn innen das funkelnde Dings? Druiden? Drüsen? Düsen? Drusen? Damnit. Jedenfalls fantastische Stellen wie das ‚ich wurde angespült‘, obwohl ja angereist … aber darum herum noch ein paar wegzuschleifende Rohstellen ... also zu ottonormalformulierte… etwa die Lebensfreudereanimationshoffnung.... und die ‚zarte Brise‘... das ‚und dann‘ wie bei einem Prosatext... und dann wieder fantastische Stellen ...“ – „Druiden...“ – „Klappe. Stellen wie ‚der Rhythmus, der nicht gehört, sondern bewohnt‘ wird ... und beim 'unendlich deutsch' mussten ja alle lachen ...“ – „Genau, da sind wir wieder beim ‚es gibt deutsch deutsch und richtig deutsch‘, wie Stefan vorhin sagte ...“ – „… nur beim 'Ort wie ein offenes Herz' ist mir als Medizinerinnen-Söhnchen nicht ganz klar ob positiv weltoffen oder klaffende Wunde gemeint...“

„Manches weiß ich auch nicht mehr, Erlebtes verblasst nach einem Jahrzehnt...“ –„Deshalb immer Notizbuch oder Handy dabei und live dichten, wie bei Tiefkühlgemüse bleiben dann die Erinnerungen frisch.“ – „Gemüse hat Erinnerungen?“ – „Nein, ich meine ... Blödmann.“ – „Dann schon bitte Gemüsebezug: ‚Du Erbsenerzähler bist dumm wie Bohnenstroh!“ – „Wichtig ist jedenfalls: die Balance zwischen schön und kitschig ist ein messerscharfer Grat... wenn wir nur Postkartenmotive mitkriegen, knirschen wir mit den Zähnen...“ – „Genau, Erika: Fass!“ – „Die ist doch schon weg. Außerdem überwiegen im Text ganz klar die Dru-Dinger.“ – „Also mehr das Empfinden wiedergeben.“ – „Ja, aber das ist sauschwer... eventuell umdrehen: erst ein Bild suchen, und dann die Bedeutung dazu.“ – „Ja, wie beim Anspülen ... das auch einen Bezug zu Bootsflüchtlingen hat ... da bleibt das Gefühl der Verlorenheit bei den Hörer:innen erhalten, auch nachdem es sich aufgeklärt hat, dass der Erzähler nur normal angereist ist und ein 'hat es mich hierher verschlagen' gemeint hat.“ – „Der verschlagene Erzähler…“ – „Sei still, Du Lauch.“ (Anm. des imag. Justitiars: „Teile der stattgefundenen Dialoge könnten die Leser:innen verunsichern“… pardon, falsche Textkonserve… „Die Dialoge fanden sehr zivilisiert statt und wurden vom Protocollagisten aus stilistischen Gründen nachträglich zugespitzt. Und vielleicht hieß das statt ‚Du Lauch‘ auch ‚Durchlaucht‘. Daraus ergäbe sich dann eine komplett andere…“)(Du bist noch langatmiger als mein Protocollagist. Anm. d. Red.)


---Fünf: Angespülte Drusen klaffen

(die ganzen Ankündigungen mit anschließend geänderter Wagen- und Vorlesereihung haben den Protocollagisten offenkundig durcheinander gebracht. Wir bitten um Entschuldigung. Anm. d. Red.)

"Jetzt aber zu dem aufblasbaren Elefanten im Raum, der angeblich im Vorfeld stattgefunden habenden Zensur von Pauls im Vorfeld per Mail verteilten Drehbuchentwurf. Beziehungsweise dem Vorwurf, dass er ihn hier nicht vorlesen darf."

"Ich habe den Text nicht gelesen, aber das Video angesehen.“ – „Ein Video zum Text?“ – „Nein, da war noch ein Link zu einem Musikvideo, also einem zweiten Thema. Und das ist wenigstens Kunst, während das Drehbuch ja vom Autor selbst bereits in der Begleitmail abgewertet wurde!"

"Wie jetzt: Fand oder findet da wirklich Zensur statt? In dieser Runde? Ich bin entsetzt." - "Mooooment. Ich habe ihm - in einer PM, wie man da heute sagt ...“ – „… früher war das ein Populär-Wissenschaftsmagazin ...“ – „... ich habe ihm in einer direkten Nachricht Feedback gegeben. Aber das heißt doch nicht, dass er nicht vorlesen darf!“

„Also, dann lies vor!“ – „Nein!“ – „Doch! Denn sonst war doch der ganze Kampf für die Meinungsfreiheit zum Teufel!“ – „Nein, es ist ja auch kein Text, sondern ein Pitch, und schnell erzählt, eine 90-Minuten-RomCom vom Fließband, zwei Paare, erst sind die falschen zusammen, später die vom Publikum schon von Anfang an gefühlt richtigen.“

„Ich bin mir sicher, in irgendeinem How-To zu Pitches steht, dass man begeistern soll, nicht schlechtreden.“ – „Klingt aber wirklich wie 0/8/15. Können die Männer nicht schwul wirken oder sein? Das macht die Viererkombo interessanter.“ – „Und es gibt so viele interessante Subgenres! DystRom, DarkRom nicht zu verwechseln mit Dark Room, RomDrama bzw. Dramedie, Romantasy, Chick Lit, New Adult, Fake Dating, Screwball, Romantic Heist..."

„Ich habe es schon gelesen, aber die Charaktere sind mir zu sehr durcheinandergepurzelt und die Namen zu ähnlich ... da hatte ich keinen Anker...“

"Die Zielgruppe sind so etwa 35jährige Frauen..." - "Also, meine Töchter sind in dem Alter, die gucken hochintelligente Serien, nicht so plakatives ..."

"Ich glaube, wenn man das auf einen Kurzfilm in der Länge eines Werbespots eindampft, wird es ein richtig gutes Kunstwerk."

"Was meinst Du mit 'Drehbuch-Krankheit'?" - "Na, wenn der Drehbuchautor schon auf Seite 2 weiß, wo er auf Seite 90 hin will." - "Das ist doch kein Beinbruch!" - "Genau! Ich muss auch gestehen, auch ich als Lyriker mit Anspruch habe Spaß an solchen Filmen... die Chemie der Charaktere und des Settings zu erspüren …" - "Jaja, 'Plot Armor', die Logik von Drehbüchern bzw. der Schutz von fiktionalen Charakteren durch den Autor... sie überleben selbst tödliche Situationen." - "Bei ihm aber Plot Amour."

„Jedenfalls habe ich Spaß an Serien wie ‚Person of Interest‘, wo die KI Überwachungskameras monitort und anfangs nur Sozialversicherungsnummern von Opfern und Tätern ausspuckt. Und die Maschine dauernd nachdenkt, aber immer fehlerhafter, immer abstrahierter... so nach dem Motto ‚now i make a sadistic remark‘“

„Gibt es schon einzelne ausgearbeitete Szenen von Deinem Drehbuch?“ – „Ja, fast zweihundert Seiten sind fertig.“ – „Dann bring das nächste Mal bitte eine konkrete Szene mit, zu der Du Feedback möchtest.“ – „Ja, und zwar eine, die Dich selbst begeistert!“


---Sechs: „Flussfrau“ - Die, deren preisgetragener Name nicht genannt werden darf

Und last but not least: Stefan! Lyriker goes Romancier!

„Was ich gleich vorlese, ist keine Stelle aus dem Roman, also der eigentlichen Romanhandlung, sondern aus einer Zwischenszene... in solchen Zwischenszenen spielen Kinder, die nicht direkt Protagonist:innen sind, immer irgendwelche Spiele… Spiele, die die Handlung auch nicht erklären oder kommentieren. Also ein eher planloser griechischer Chor. Sie spielen auch keine bekannten, realistischen Spiele, sondern z.B. ‚Lager und Insasse‘ oder –wie hier in der Szene – ‚Podiumsdiskussion‘. Also, das, was sie davon verstehen. Aber trotzdem ist die Sprache komplex, Laudationester in D/E/F (also nachgeä-fft? Anm. d. Prot.) also gar nicht die reelle Kommunikation der Kinder, das kann nicht sein, dafür zu komplex, und dann tritt die Stimme des Autors auf.“

(Und all das vom Autor erläutert, wohlgemerkt... während man dann irgendwann merkte, dass er schon vorliest... im ersten Moment denkt man dann als Zuhörer noch, dass er begleitende Erläuterungen also quasi die Packungsbeilage vorliest, aber dann wird einem klar, dass es sich schon um den eigentlichen Text handelt und dann fragt man sich als Protocollagist: wie soll man das einfangen / dem geneigten eigenen Pisa-Publikum geeignet rüberbringen? Anm. d. Prot.)(Selbstreflektion / Selbstkritik des Protocollagisten … das muss ich mir im imaginären Tagebuch / Kalender markieren... aber es stimmt wohl: Ich habe auch andere protokollierte Aussagen imaginärer Zeugen, dass Stefans Performance un(er)fassbar unwiedergebbar war. Anm. d. Red.)

Aber quasi Dark Romance (schnell den Kopf einziehen! Anm. d. Prot.), da ein Werwolf und ein Moloch (ich glaube das ist auch eine Fantasy-Figur? Anm. d. Prot.) vorkommt, kiffende Staplerfahrer, die von leeren Feldern nach Italien brettern, und ein – in echt oder zumindest nicht in der untersten Handlungsebene – sterbender Vater. Als wisch i wasch i wusch ig Haus-Hof-HNO-Protocollagist muss man – zumindest psychologietechnisch – noch weniger recherchieren als als Lyriker. Hals. Alls.

Und die schneidende, hirnverätzende Sozialkritik – eventuell lässt da Stefans Theaterstück „Schiffbruch mit Zuschauer“ grüßen – dass die Fische ertrunkene Flüchtlinge gefressen haben und wir essen jetzt den Fisch... auch Kannibalismus überspringt Generationen. Und wir sind immer noch bei „das ist ein Kinderspiel, das Menschsein!“

„Das war ein Parforce-Ritt! Wow! Ultrametareflektiert. Was für eine Kraft, was für eine Energie im Text und im Vortrag!“ – „Der mit dem Werwolf tanzt, was, Antonia?“ – „Und dass sich alles abstrakte in den Büschen versteckt… aus den Augen, aus dem Sinn… genial.“

„Die ‚Ränder der Welt‘. Und des Verständnisses. Und des Textes. Und des Geistes. Und der Soziokulturinteraktion! Der ganze Text und Vortrag war wie eine breakdancende Matrjoschkapuppe geschachtelt und ist vor unseren Augen und Ohren explodiert. Ich bin noch ganz geflasht.“ - „Also, mir geht es nach dem Text jetzt schlechter. Mit dem Wissen um die Weltsorgen kann man nicht mehr fröhlich unbefangen auf Kinder schauen.“ – „Oder Fische.“ – „Oder Boote.“ – „Oder … Apfelkrapfen.“ – „Ein Text mit Sollbrechstelle. Aber nicht den Boten köpfen du sollst. Außerdem wusstest Du das doch vorher schon, wie schlecht wir die Welt unseren Kindern hinterlassen?“

„Die ganzen Verfremdungen und Ebenen … mit dem Papiersack und so…“ – „Da stand auch die Entfremdungsszene von Twin Peaks Pate.“ – „Oder die vom Paten?“ (oder vom unsympathen Antipoden? Mein Silbeninterpretationszentrum in der OI geht hui!nüber… Anm. d. Prot.)(Das Arbeitszeitgesetz gilt auch für die Kunst. Pause! Anm. d. Red.)(Denn die Frage ist: Wem hat Wessen oder Hesses Werwolf denn jetzt geschadet oder wen gebissen? Wen wenn wennn. Die Römer und ihr scheiß Lokusativ, wie ich im Lateinunterricht immer provokativ gesagt habe… Anm. d. Prot.)(Du hattest nur Asterix. Kann mal jemand in der Suchmaschine oder KI ‚Symptome und Behandlung Hitzschlag oder Schmitzerschöpfung‘ eingeben? Danke. Anm. d. Red.)(Mama, kannst Du mich anrufen? Oder können wir irgendwas spielen? Cluedo oder Imposter oder Pantomimikri oder Psychotherapie? Anm. d. Prot.)

„Definitiv ein Bachmanntext! Genau diese Szene! Genau in dieser Performance!“ – „Du bist wie der fatalistisch-humanistische Günter Eichberger...“ – „Ja, das ist eine Nudel, ein Teig“ (für Nicht-Österreicher: "Jacke wie Hose" Anm. d. Red. Und das heißt übrigens „Redaktion“ und nicht „Red Bull“. Ach, das kommt ja erst weiter unten. Verdammt, jetzt hat Schmitzers Werwolf auch mein Hirn erwischt, dabei waren das doch Zombies, die das essen… Wenn also die Fische die Hirne der Fliehenden und wir die Fische sind wir die Zombies…)

(Ah, wenn die Red / Frau Perchta / Holle / Controlletti ach das kommt ja auch erst weiter unten egal gerade außer Gefecht ist, kann ich hier ja schnell noch weitere Fragmente platzieren: „Die Bachmann-Preisträgerin Natascha Gangl und ihre Klangcomics...“ – „ja, für Deine Grazer Ohren klingt es anders“ – oder ticken da die Uhren anders? Anm. d. Prot.)

"Ich muss sagen, ich hatte beim Zuhören die schreckliche Freude, die Du beim Vorlesen hattest." - "Das kannst Du nicht wissen, aber danke!“ – „Da der Vortrag sehr dynamitisch und extra versiert extrovertiert serviert war, wird er für diese Erkenntnis nur ein Mindestmaß an Empathie – das er stets übererfüllt! – benötigt haben.“

„Bitte nichts erklären! Aber unser üblicher Variationsvorschlag: statt dessen mit Kinderstimmen – echt oder von Dir nachgemacht – vortragen, wie eine Art Hörspiel?“ – „Verstehe. Hm. Das wäre dann deutlich schwerer umzusetzen, aber das würde die fünf Ebenen aufdröseln, inklusive Spiel, Autorenstimme, was die Kinder tatsächlich machen und wo ich mich verzettele. Wie eine Collage.“ – „Dein Text erinnert mich an Arno Schmitt, aber plus Selbstironie, als Stimme/Ebene selbst mit drin. Humorvoller Ekel ist auch eine Ebene.“ – „Das wird ein großes Buch in einem großen Verlag! Und die Passage ist Bachmann-Preis-würdig!“ – „Könnt ihr bitte mal mit Bachmann aufhören?“ – „Okay, okay...“ (zwei Sätze später) „Dass der Rest noch nicht fertig ist, macht nichts. Wichtiger ist erst die Show beim Bachmannpreis, um den Verbrauch anzukurbeln.“ – „Du meinst Umsatz. Aber ‚Kunstverbrauch‘ ist auch nicht schlecht.“

„In dem im Roman beschriebenen Ort kommt auch ein Tor zur Unterwelt vor. Und die Perchta - für mitteldeutsche Ohren: Frau Holle, also die Arbeitsqualitäts-Überwacherin –schimpft den Bürgermeister.“ – „Ein perfekter Antiheimatroman!“ – „Es kommen zwei Josefs vor, und eine Quote von zwei gescheiterten Patriarchen auf einen erfolgreichen...“ – „… was immer das auch heißt…“ – „… sowie ein Red Bull Sportler. Der kentert und lernt einen Flüchtling kennen.“ – „Ist der beschriebene Ort Frohnleiten?“ – „Nein, das wäre zu idyllisch mit seinem beheizten Marktplatz, aber die Dunstkreis-Entfernung zu Graz passt in etwa…“ – „… die haben den beheizbaren Marktplatz ja durch die Mülldeponie.“ – „Wie, Fernwärme durch Müllverbrennung?“ – „Nein, dadurch finanziert. Die Fernwärme entsteht meines Wissens durch Kadaververbrennung.“ – „Na, lecker. Das erinnert mich an den süßlichen Geruch der Tierkadaververwertungsanstalt bei Gunzenhausen …“ – „Ja, einfach Brötchengeruch drüber …“ – „So ein Kaiserschmarrn.“


--- Sieben: Wir Faden fädeln to grey/gray/gräy/gäy 

„Echt, oder? Diese Alpen-McGuyvers… kein Weitblick, aber superkreative Problemlösungen!“ – „Als ob wir hier Weitblick hätten … politisch und sozial …“ – „Spieglein an der Wand: Sind da überall Bilder dahinter versteckt wie hier ersichtlich, wo der Spiegel fehlt? Wir sollten nachschauen!“ – „Im Vertrag steht aber: ‚hinterlasse wie vorgefunden‘ …“ – „Den kriegt jeder von uns fürs Globalgalaktische schon im Krankenhaus ausgehängt, aber wer liest als legasthenisches analphabetierisches Baby das Kleingedruckte…“

„Nein, ich war bei gestrigen Treffen des pegnesischen Blumenordens nicht dabei, ich bin da nicht Mitglied, auch wenn ich vielleicht wie ein prototypisches Blumenkind aussehe…“

„Und sonst so, wie ist Dein Leben außerhalb dieser nonanonymen Selbsthilfegruppe, außerhalb der Literatur? Gebrauchstexte verfassen? Okay, das ist mit am dichtesten dran.“

„Die Varianten der Kreuzschifffahrt: Gay Cruise: sexuelle Orientierung. Grey Cruise: Rentner-Kahn. Metal Cruise: Metal Fans. Lustig, wenn es bei denen ein Holzboot wäre. Und zwischen allen Schnittmengen.“ – „Genau, und Tom Cruise.“ – „Hauptsache, nicht Kreuzfahrer.“ – „Apropos Kirche: Ihr habt hier in Nürnberg die schönste protestantische Kirche, inklusive Reliquie … obwohl die Führerin das bestritten hat.“ – „Tja, wir waren die ersten, die progressiven Protestanten, ganz vorne mit dabei, da macht man beim Bildersturm schon mal Fehler, sozusagen Bildfehler.“ - „Und wie die Humanistin und Äbtin Caritas Pirckheimer damals: ‚Nix da, das Kloster wird nicht aufgelöst. Meine Nonnen bleiben!'“

"Wie heißt noch mal der Autor, der schon seit Ewigkeiten an der Weltrevolution schreibt? Und immer sooo dicke Ziegel…." – „Der Ort hier, wo wir heute waren, das ‚Komm‘, ist ein altehrwürdiger linker Ort… 1981 und 1987 Akte von Polizeigewalt, ein klares Qualitätsmerkmal, aber mittlerweile ist es auch nur noch das PS der Weltrevolution.“

„Und er ist Redakteur bei ‚Perspektive‘. Ich kann dir ein paar leihen.“ – „Nein, er soll abonnieren!“ – „Keine Sorge, wir leihen es doch nur, um ihn anzufixen.“

„Gestern beim Blumenorden war ausführlichst das Thema, mit wem man ins Bett gehen muss, um im Literaturbetrieb erfolgreich zu werden. Das haben unsere jugendlichen Schriftstellerinnen begierig aufgesogen.“ – „Die ganze feministische Erziehung in wenigen Sätzen beim Teufel.“ – „Ich habe jetzt übrigens eine Agentin, aber ich habe es noch niemandem erzählt.“ – „Cool, sozusagen eine Geheim-Agentin! Glückwunsch.“

Der Protocollagist hat seine ToDos abgearbeitet (Perspektive-Abo bei perspektive at abgeschlossen und „Ausfahrt Niemandsmeer“ von Bettina (das ist noch nicht das im heutigen Treffen besprochene Werk, aber das aktuelle, frisch erschienene) bei kulturmaschinen com bestellt.) Werbeblock: bitte nachmachen! : -)

Liebe Grüße Jogi



PS: Ich kann zwar nur für die BRD sprechen, aber im Übrigen bin ich weiterhin der Meinung, dass Frau Reiche, Herr Spahn und Herr Merz, aber vor allem erstere, täglich zum Rücktritt aufgefordert werden sollten.


Samstag, 13. Juni 2026

Passanterweise

Oder: En passant am Passamt a.k.a. Kulturladen 
Oder: ich mag und verarbeite Deine Gedichte zwar nicht alle restlos, aber bleiben wir trotzdem Friede Freunde Eierkuchen

Anreise zur Vernissage: „Hat die Frau da wirklich ein ‚Fresse, Alter!‘-Tattoo am Hals?“ – „Psst, nicht so laut!“ – „Schau mal, da hinten auf dem Auto, das Logo Deiner Ex!“ – „Was? Ach so, Ex-Firma. Im Stadtteil dahinter hat übrigens wirklich meine erste Freundin gewohnt.“

„Lauter unlautere Laut-Sprecher unterwegs… erst die Demo und dann rechts im Röthenbacher Landgraben … scheinbar ein Kindergeburtstag, mit Megaphon-Eltern… Leisesprecher sind aktuell wohl leider nicht angesagt.“ (später wurde der Autor dann gebeten, lauter zu sprechen. Anm. d. Prot.)

Die Aufreihung der Gläser an der Bar im zweiten Ausstellungsraum: „einer geht aufs Haus.“ – „Na dann: Aufs Haus!“ – „Alter, war das jetzt peinlich, dass Du das Trinkgeld erst nicht in die Sammeldose gebracht hast… da war ein Schlitz und ein Loch… selbst im Kindergarten sind da mehr Formen! Vielleicht wie beim Führerschein-Theorie oder Erster Hilfe: gelegentliche Auffrischungen überlegenswert?“ – „Lou mer mei Rouh.“

Verlegenes Innehalten: Schüttelt man – nach Knigge – einem an der Hand Bandagierten selbige oder nicht?

„Wie herum arbeitet ihr?“ – „Erst meine Texte, dann ihre Bilder dazu, wie schon in Frankfurt.“ – „Die Buchhandlung in Eibach macht viele Lesungen, da wollen wir im Kulturladen normalerweise nicht so viel Konkurrenz machen…“

Das Konzept „Fangen wir c.t. an.“ erwies sich als wohlüberlegt, denn schlagartig füllten sich kurz vor dem verlegten Start (das waren dann wohl alles Akademiker:innen? Anm. d. Red.) die Reihen.

Die Leiterin des Kulturladens begrüßte die Gäste, gab für Auswärtige einen kurzen Abriss dieser soziokulturellen Besonderheit Nürnbergs - „Elf Kulturläden, wie die elf Freunde … gegründet von Hermann Glaser … ‚Kultur ist Bürgerrecht, Kultur von allen für alle‘“ – und gab ein kleines Soziogramm der Künstler:innengruppe: „Der Mann der Künstlerin ist das Bindeglied, der ist auch ein alter Freund des Autors. Und auch die Deutschlehrerinnen-Phase ist ein Bindeglied zwischen Text und Bild. Sie verwendet gerne Zeitungen als Zufallselemente, mit einer Schere als dynamisches Element. Und der Autor Gerd ist auch Journalist und Dozent.“

Gabi dankte dem Kulturladen für die gute Zusammenarbeit und erzählte ebenfalls aus dem Nähkästchen: „Gerd schickt immer wieder mal Gedichte rüber, die gefallen mir manchmal, nicht immer, und dann lege ich bei Gefallen los“. – „Wie, nicht alle?“ Oje, erste kreative Differenzen in der Band? Smiley.

„Von manchen Gedichten machte ich auch mehrere Varianten. Und ich dachte mir, ich nehme mal lieber zu viele Bilder mit. Ich hoffe, Sie machen das dann auch so, der Preiskatalog hängt ganz rechts.“ (oh, der ist ja auch gerahmt. Kostet der dann das gleiche? Definitiv ein Kulturladen, wo man Kultur kaufen kann. Anm. d. Prot.) (Redschreib kein Blech, Digga, geh Buch kaufen, Du Opfer. Anm. d. Red.)(das war ein scherzhaftes Querreferenzieren auf den Schluss des Textes, siehe unten. Ergänzende Anm. d. Red.)

„Ich bin übrigens auch ein großer Fan der Kulturläden. Ich fange jetzt an mit dem Anfang. Oh, danke fürs Vorführen: Der Hinweis auf das Stummschalten der Handys fehlte…“

Und schon ging es in die Geschichte um die zweifelhafte Ehre, von einer Taube als Wohnort ausgewählt zu werden, und wie das verheiratete Umfeld damit umgeht. Anders als bei Patrick Süßkind stets mit einem klaren Fokus auf dem Humor („es war Notwehr, dass sie nach Dir gehackt hat.“ / um ihr den Fluchtweg offenzuhalten, froren wir) 

(An dieser Stelle sei das – an dieser Stelle aufgetretene und vom Autor durchaus bemerkte - Gähnen des Neben- bzw. Haupt-Mannes des Protocollagisten kurz aufgeklärt: Er hört zum Einschlafen Hörbücher. Auch wenn wir tagsüber im Urlaub eines hören oder überhaupt jemand eine Zeitlang spricht, muss ich ihn wachrütteln. Das ist also eher ein Kompliment! Anm. d. Prot.)

„Klasse fand ich dann die Diskussion, ob der Protagonist wohl lieber ein Haustier hätte... und dass er für sich beschließt, mit dem Tier ein ernstes Wörtchen über Stubenreinheit zu reden … und natürlich den netten Versprecher ‚ein Pflaster im Kühlschrank‘.“ – „Ja, oder das ‚hab Dich nicht so, Tauben sind doch friedlich, siehe Friedenstauben!‘“

„Die Ehefrau kommt in dieser Szene nicht so gut weg… daher sollte ich als Autor vielleicht ein paar Anmerkungen zum weiteren Fortgang machen: Da sind dann mehrere Personen und deren Geschichten verwoben. Offen aber hoffentlich trotzdem ganzheitlich. Und eigentlich geht es in allen Geschichten um die Liebe, es folgt jetzt der Teil, wo ein Mann seine Jugendliebe wiedertrifft.“ 

Die Beschreibung, wie der neue Protagonist beim Spazieren Profil und „Tanz der Lippen“ seiner erneut Angebeteten betrachtet, wird gleich durch die nächste Erklärung unterbrochen: „Die gerade im Gespräch erwähnte Dame in der Pizzeria ist die Nebenbuhlerin der Taube, also die Ehefrau des ersten erzählenden Ichs, denn die redete dort scheinbar mit einem imaginären Gesprächspartner.“ (jetzt bin ich WIRKLICH gespannt, wie es weitergeht! Gut, dass ich das Buch zum Fertiglesen habe. Anm. d. Prot.)

Und dann das Verweben: „Komischer Typ dort … und ist sein Sweatshirt voller Taubenexkremente? Und hat er da ein Vogelnest auf dem Kopf?“ Zufriedenes Gelächter im Publikum, dass dort mittlerweile Nachwuchs piept. „Ich kam nicht umhin, zu bemerken, dass Sie über mich sprechen und die kleinen Täubchen auf meinem Kopf bemerkt haben. Ich weiß, ‚bei Ihnen piepts wohl‘ und so weiter, aber ist das nicht großartig? Entschuldigen Sie mein Nuscheln, aber ich darf den Kopf nicht zu sehr bewegen. Und ich bin übrigens Verhaltensforscher.“ 

Das „Aha-Duett“ der Jugend- und Erneutliebenden, die nach dem Weitergehen ihre Gespräche quasi beflügelt fortsetzen und natürlich viel Gesprächsstoff haben. „Ökologisch ist sein Verhalten jedenfalls vorbildlich. Lach nicht!“ - „Ob sie ihn dann als Trauzeugen zur Hochzeit einladen, weil er unbehagliche Gesprächspausen bei ihrem Wiedertreffen verhindert hat?“ – „Aber ihn auffordern, sich vorher doch bitte umzuziehen!“ – „Psst!“

„Ich mache jetzt eine kurze symbolische Pause, ehe ich zur Lyrik wechsle… fertig. Die Gedichte sind teilweise hier auch ausgehängt. Ich fange mit dem titelgebenden ‚Passanten‘ an.“

Bei den Gedichten dann viele Stellen, die einen nachdenklich innehalten lassen… der „Schatten, der anhält und dir nachblickt“ … oder die „Sitzbank zur Betrachtung der Lage“ … da gehören definitiv mehr aufgestellt! (Am besten mit Beschattung wegen steigendem UV… Anm. d. Prot.)

„Die nächsten drei Gedichte – Hesperide, Theodor-Heuss-Brücke und Rosenau – beschreiben Nürnberger Orte, das nur als Anmerkung für die Zuhörenden, die von weiter weg … also, natürlich auch als Anmerkung für die aus Nürnberg… Übrigens, nicht verwechseln: das Afrikafestival unter der Brücke ist im Juni, und das Brückenfestival im August.“ 

Auch hier wieder überraschende Wendungen, wie Gesetze und das Leben, die tanzen oder Wünsche haben. Oder der unerwartet weit gespannte Bogen, was alles „vor der Haustür“ liegt, von ausbrechenden Vulkanen über frisch gegrabene Flussbetten bis hin zu schwarzen Löchern.

Letzteres deutet schon das Themenfeld der darauffolgenden „kosmischen Trilogie“ an: „Wow… das ‚manche der gelegentlich ein Teil von uns seienden Teilchen verlernen auch wieder, Teil unseres Ichs zu sein‘erinnert mich an Terry Pratchett, der hat das auch schon sehr schön mit dem Kommentar des Kanzlers ‚boah, ist das nicht unhygienisch?‘ verarbeitet!“ – „Cool war auch der Wechsel von den Weiten des Alls und den Jahrmilliarden zum Folgesatz ‚und sonst so?‘“

Und wenn bisher nicht mal eine galaktische Minute Menschheit im technischen Stadium, dann kann es auf dem AB von SETI wirklich irgendwann mal heißen: „Sie haben eine neue Nachricht“ … die dann nicht mehr abgehört wird.

„Und hier wieder ein Bogen zurück zum Roman: Das nächste Gedicht hat mit Vögeln zu tun.“ – „Und mit Liebe?“

Der Autor unterbricht – trotz der gerade so schönen Stelle, dass sie die kostbare Zeit vor der Nacht lieben – erneut den Gedichtvortrag: „Das ist wie beim Philosophen Thomas Nagel, der gefragt hat, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Bei mir ist es kein Aufsatz, sondern ein Gedicht, und es geht halt um Vögel, nicht um Fledermäuse. Aber die Gedankengänge sind ähnlich.“

Nach dem philosophischen – „er ermöglicht und überdauert das Leben“ – Regen(sound)porträt – „Ich sehe die anwesenden Teilnehmenden dieser Reise teilnahmsvoll nicken“ – gab es zum Abschluss noch ein Meta-Gedicht über den lyriterarischen Prozess: „morgens ist der poetische Blick für die Alchemie des Seins noch offen, das „Hirn noch traum(haft heraus)geputzt … und ist es wirklich okay, den bunten Cocktail des Lebens in bleischwarze Buchstaben zu gießen?“

„Das wars, vielen Dank, jetzt zum gemütlichen Teil.“ – „‘Sonst werde ich ungemütlich?‘ Die Stühle waren doch ganz okay…“

„Du hättest mit etwas langsameren Tempo die Lesung noch strecken können … oder wie bei Wortwerk die Gedichte doppelt vorlesen können, damit die Zuhörerschaft das besser aufnehmen kann.“ – „Hm… die Lyrikpassage einfach zweimal hintereinander? Oder jedes Gedicht doppelt vorlesen? Oder jede Zeile? Das wirkt … das wirkt … irgendwie komisch … irgendwie komisch … wie ein Echo, das das Diminuendo vergessen hat …“ – „Oder man hätte die Gedichte bzw. die Collagen auch projizieren können?“

„Das … na, Dings… Autoren und Wörter…“ – „Passt schon, ein Buch fällt ja auch in die Kategorie Ding.“ – „In Anlehnung an die britischen ‚Knock knock‘-Scherze könnte man auf jedes ‚Ding‘, das jemand einem unabsichtlich ins Gesicht sagt, mit einem – dessen Anspannung dann lockernden – ‚Dong‘ antworten…“

„Schreibst Du gerade eine Widmung oder das nächste Gedicht?“ – „He, gute Idee, das zu kombinieren!“

Diskussion von Geldautomatendesign: „Ich traue mich immer nicht, bei Fremden ins Gespräch einzusteigen, aber ich hätte fragen können ‚ach, sind Sie vom Fach?‘“ – „Stimmt, und was machst Du, wenn herauskommt, dass die die beruflich sprengen… denn manche von denen besuchen sicher auch Vernissagen … das gibt dann mindestens betretenes Schweigen, wenn nicht schlimmer…“ – „Das ‚vom Fach‘ ist eh eine komische Formulierung, findest Du nicht? Das kennt die Jugend sicher nicht mehr… das erinnert mich an die aktualisierte Version von Rapunzel mit dem ‚wirf Haar runter‘ und ‚das sind Extensions, Digga; geh Treppe, Du Opfer‘“ – „Ja, ihr liebt beide das Skurrile, kann das sein?“

Hinterm Horizont soll es gewissen Barden zufolge weitergehen … oder eben vor der Haustür, sicher für ein paar Googol Jahre … und sonst so? Na, Energiewende, Klimaschutz, Demokratieerhalt und so! Damit der menschliche AB weiter abgehört wird!



Freitag, 5. Juni 2026

Zuckerbrot, Alpentatort und Passanten

 Auch im Juni ein paar Wortwerkelnde sehr aktiv:

Am 13.6. um 15 Uhr hält im Zuge der PEN-Jahrestagung Leo F. Seidl einen Workshop zum Verfassen engagierter Literatur im Bildungscampus Nürnberg, und um 19 Uhr Vernissage der Ausstellung "Passanten" mit Collagen von Gabi Fitzner und Gedichten von Gerd Fürstenberger im Kulturladen Röthenbach.

Am 20.6. lesen Leo F. Seidl und Paul Stefan Wolff bei "StadtLesen" in Fürth.

Montag, 1. Juni 2026

Ton, Steine, Schere, Klavier - Brunnen gewinnt!

( Oder: An Mordseis leckende Schlangen sind wie Drohnen)

Hallo in den Sprachen dieser Welt, aufgrund der letzten Geschichte in der Runde diesmal jiddisch / hebräisch: „Hals- und Beinbruch, liebe Mischpoke!“ (das sind zwar deutsche Begriffe, die aus dem Hebräischen stammen, aber Du meinst „Shalom aleichem“ Anm. d. Red.)

“Was bisher geschah, also auf dem Herweg zum Treffen: Ein kleiner Junge raste mit seinem Rad ständig rund um den U-Bahn-Ausgang. Wie bei einem Computergame … wie hieß das? ‚Frogger‘? … musste ich den Ring durchbrechen. Als Endgegner fuhren ihm dann zwei E-Bike-Lieferdienst-Fahrer entgegen.“ – „Und wie ging das aus?“ – „Ich weiß nicht, ich konnte nicht hinsehen.“ – „Abgesehen von unterlassener Hilfeleistung finde ich bei dieser … Kurzgeschichte? … das offene Ende nicht so prickelnd…“

„Wir sind noch zu wenige Teilnehmer, unterhalten wir uns doch über (Plattform-Name entfernt. Größter Fluss der Welt ohne „as“ / Kriegerinnen der griechischen Mythologie ohne „e“. Anm. d. Red.) als Arbeitgeber, also wegen ‚Verkauf der eigenen Bücher auf besagter Plattform‘ bzw. auch Self-Publishing dort.“ - „Ah, habe Dich dort gefunden. Sechsstellige Platzierung bei Belletristik ist nicht der Umsatz in Euro, oder?“ – „Kein großer Schmerz, ein Zeichen zu setzen und auf europäische Plattformen zu wechseln, aber welche…“

„Jetzt sind wir genügend, jetzt lese ich vor.“ – „Ok, Paul.“ – „Meinen Text ‚Zuckerbrot‘ werde ich dann diesen Monat bei ‚Lesen in Fürth‘ vorlesen.“ – „Gibt es auch ‚Vorlesen in Fürth‘? Denn beim anderen sitzt man doch mit Büchern gemeinsam im Park?“ (nachträgliche redaktionell aufbereitete Auflösung des Mistverständnisses: „Lesen!“ findet im November 2026 statt, „StadtLesen“ hingegen im Juni, wo am 20. neben VS und Leo Seidl auch der AutorenVerband / die Wortkünstler mit Paul vorlesen werden. Anm. d. Red.) „Der Text ist eine Hommage an die wieder aktuelle faschistisch-patriarchalisch-dystopische Serie ‚Die Geschichte der Magd‘“.

Die Erzählerin sinniert über männliche (Rot-Stärke-)Grün-Schwäche, auch beim Einkaufen von Gemüse oder Blumen, der Rasen-Beurteilung – Loriot hatte also unrecht – und dem Reagieren auf – jetzt blaugekleidete – Polizisten, und dass frau daher mit „grün, grün, grün, sind alle meine Kleider“ ihre Ruhe vor Männern hat, vielleicht auch wegen Reminiszenzen an Rinde und Falten. Über Fast-Fashion und das – das ist jetzt der Science-Fiction-Part – auch nach oraler Einnahme wirkende Kuschel- und Orgasmus-Hormon Oxytocin spannt die nicht weiter beschriebene, zunehmend feministisch-kämpferische Erzählerin den Bogen zur Versklavung der Frauen und Drohnen, die nacheinander mit Frauen, Liebe und Torten verglichen werden.

„Da habe ich wieder Probleme damit, nicht parallel mitlesen zu können – unser altes Thema! Denn nach dem ‚Männer-Bashing‘ am Anfang kam doch plötzlich ein Wechsel zum männlichen Erzähler? Und dann die Selbstoptimierung, teils konkrete lustige Tipps wie das – auch für Nickerchen gültige – Lob fürs Aufstehen, teils gebasht, wie auch anderes ‚neumodisches Zeugs‘…“ – „Ja, da schließt sich ja dann das ‚kommt von den Homosexuellen‘ an – da sollte man wahrscheinlich einfach eher undistanzierter ‚von den Schwulen‘ sprechen, aber das ‚zu blöd, Beziehungen zu führen‘ im Satz danach bezieht sich dann nicht auf die Schwulen, sondern die Trends-Mitmacher davor … sehr verwirrend, und trägt Dir dann vielleicht noch ungerechtfertigte Vorwürfe wegen Homophobie ein…“ – „Mein Deutschlehrer fände die Ich-Perspektiv-Wechsel jedenfalls schlecht.“ – „Allein schon deshalb – aber nicht nur deswegen – finde ich sie dann gut!“ – „Braucht man den Hommage-Hinweis auf die Serie?“ – „Nein, eher weglassen… das Dysto-Setting ist ja bald wieder Realität …“ (Das Eingeständnis eines anwesenden Mannes, tatsächlich eine Rot-Grün-Schwäche zu haben, führte übrigens zu einer ausführlichen Befragung einer anwesenden Frau, wie das so in der nicht-dystopischen Praxis wäre. Anm. d. Prot.)

„Zum Vorlesen Deiner Satire: das war sehr monoton vorgetragen.“ – „Genau, gut!“ – „Nein, schlecht!“ – „Und verschmitzt vortragen!“ – „Nein, gerade bierernst!“ – „Aber vor allem langsamer.“ – „Und ist das nicht eher ein … ich weiß nicht, Wintertext, als für vergnügliche Sommerlesung im Park?“

„Drohneneltern sind die neuen Helikopter-Eltern.“ – „Ja, nicht zu verwechseln mit – wenn auch kaum unterscheidbar von – den Curling-, Schneepflug-, U-Boot- und Rasenmäher-Eltern!“ – „Kennt noch jemand den alten Film ‚der Rasenmäher-Mann‘? Das ging auch nicht gut aus…“ – „Zurück zum Text, bitte: Er hat eine hohe Dichte, aber Absurdes bitte weiter verstärken, herausarbeiten!“ – „‘Verdichten!‘, sprach der Lyriker beim Autoschrauber:innen-Stammtisch!“ – „Und ich möchte noch ergänzen: Du nuschelst wie ich beim Textvortrag.“ – „Also, in meinem Fall liegt es am Kautabak.“ – „Was ist das?“ – „Na, das hier.“ – „Igitt, ‚Show and Tell‘ muss da jetzt wirklich nicht sein!“

„‘Halt!‘ - das war das Motto, des Wettbewerbs, an dem ich mit dem folgenden Text teilgenommen habe. Für den brauche ich übrigens noch einen Titel. Und nach Abgabe habe ich dann festgestellt, dass das Motto eigentlich konkreter ‚Halt am Körper‘ gelautet hätte…“ (ich frage mich, wie viele Protocollage-Lesende hier bereits die Worte von Coralie heraushören … Anm. d. Prot.) „Und es geht um einen eingebildeten Flügel.“ – „Na, da hast Du doch schon eine neugierig machende Überschrift! Und ich bin gespannt, ob jemand glaubt, fliegen zu können oder ein Engel zu sein, oder ob er sich an ein imaginäres Musikinstrument setzt…“ – „Du weißt, dass auch das Adjektiv mehrere Bedeutungen hat?“

Und tatsächlich ging es um einen Gegenstand, der sehr überzeugt von sich ist… und verwundert, dass er – obwohl das beste, wohltemperierteste, hochglanzlackierteste und teuerste Instrument im Geschäft – nicht gekauft wird. Auflösung: letzteres.

„Das erinnert an ‚Ich bin ein Star – holt mich hier raus!‘“ – „Das psychologische Thema des Verschmäht-Werdens. Ich habe viele Jahre in einer Disco gearbeitet und das Herausputzen, die Hoffnungen und Enttäuschungen hautnah erlebt.“ – „Naja, wir als Otto-Normal-Discogänger:innen ja auch, ohne dort zu arbeiten… aber genau: Das war wie eine prä-digitale Partnerbörse.“ – „Was ist eine Partnerbörse?“ (Wie ein Rudel Wolfs-Eltern versuchten die Anwesenden daraufhin – metaphernfreudig, da kann die Autor:innengruppe nun mal nicht aus ihrer Haut – die Begrifflichkeits-Unklarheiten zu beseitigen. Anm. d. Prot.)

„Dein Text ist eine Parabel, ein Gleichnis.“ – „Und ich würde die Selbstzweifel mehr herausarbeiten, mehr Psychologie.“ – „Naja, eigentlich geht es beim Text darum, dass ich mir einen Bechstein wünsche.“ – „Ach sooo, das ist ein Text mit einer ganz gezielten Zielgruppe! Ein Verkaufs-bzw.-Kaufs-Werbe-Text sozusagen! Wie geht das bei euch dann im Alltag? Wenn Du etwas möchtest, findet die Familie auf dem Frühstückstisch einen Zettel mit einer neuen Kurzgeschichte? Darüber, wie einsam und ungeliebt sich der betreffende Gegenstand im Laden vorkommt?“ – „Das könnte man als Erzähl-Ebene noch drumherum bauen!“

Dann (repeat, piep! Anm. d. Prot.) wurde der Text für die Nachzügler – obwohl diese nicht Teil der eben ermittelten Zielgruppe sind – noch einmal vorgelesen.

„Statt dem konkreten Product-Placement – wir sind noch alte Schule, als das noch verpönt war – vielleicht etwas Flexibilität, so nach dem Motto ‚ich nehme auch einen Steinway oder Feurich oder Bösendorfer oder Kawai oder Yamaha oder Schimmel oder Fazioli‘? … wobei ich empfehlen würde, nichts zu Hochpreisiges zum Einstieg zu nehmen.“ – „Wer spricht denn vom Einstieg?“ – „Ich finde, es findet zu wenig Entwicklung in der Handlung statt.“ – „Ja, vielleicht noch einen Gegenspieler – wurde da nicht in einem Halbsatz eine Ukulele erwähnt? Oder natürlich eine menschliche Person… - oder ein Ereignis… und dann könntest Du die Handlung kippen lassen…“ – „Na, Hauptsache nicht den Flügel, höhö… ‚Flügel, Dir werd ich Deinen Hochmut stutzen…“ – „Variiere testweise ein bisschen! Nicht gleich ein ganzer Textzyklus, aber unterschiedliche Tonalitäten täten gut, quasi Dur und Moll.. Adagio, Allegretto, Presto … Dreivierteltakt …“ – „Genau, ein paar Goldberg-Variationen… oder das ganze vielleicht als interaktives Spiel, wie ein Textadventure früher, nur mit Noten?“

„Intertextuell gefällt mir bei Dir auf jeden Fall, dass Du oft das Innenleben von Gegenständen thematisierst.“ – „Bei den Enden meiner Geschichte geht es oft um den Preis… aber ich habe oft auch Mitleid mit Dingen, die nicht gefallen. Schon beim Spielen mit Stofftieren hatte ich Sorge, dass sich die anderen ungeliebt fühlen…“ – „Ja, geht unserem Sohnemann genauso.“ – „Ich hätte noch einen Text über eine Bank, die eine Bank ausraubt…“ – „Eine Fusion? Aber ich finde, den nächsten Vorlese-Slot sollten wir für unseren Gast aus Erlangen, Gerd Fürstenberger, freihalten…“ – „Aber ich bin gar nicht aus Erlangen!“ – „Aber Du hast doch mit den Erlangern vorgelesen? Als Fürther? Schwabacher? Neumarkter? Ansbacher? Höchstädter? Forchheimer? Pappenheimer?“ – „Und ich habe nur einen ganz frischen, unüberarbeiteten Text, frisch nach dem Gewitter gestern geschrieben, also ‚seid‘s gnädig‘…“ – „Na, das ist doch mal gut, nicht immer diese abgehangenen, gepökelten, feingeschliffenen Texte… aber darf ich erneut anmerken, dass in der Signal-Gruppe geteilte Texte zum Mitlesen schön wären? Ich fotografiere mir mal ab…“

„Das Pendeln in der Lyrik zwischen den zwei Polen Allgemeinplatz und Lesefluss-sprengender Assoziation…“ – „AC/DC Wechselstrom-Lyrics?“ – „Auch in den Strophen schöne Wechsel, eine Dreiteiligkeit: Erst der Tatort mit den herumliegenden Gliedern. Vielleicht statt des Vergleichs ‚wie Glieder‘ sogar mutig die Metapher ‚die Glieder der Bäume verteilt‘ nehmen? Dann kommt das Positive: Stürme verteilen Samen, Wasser spenden Leben, die Luft geschwängert… und als drittes dann die Bewegung… erneut die Knochen, aber Kraft in denselben, und das Kind schaukelt dem Himmel entgegen, das ist ein sehr schönes Bild, das den Kreis schließt.“ – „Ja, trotz herumliegender Organe und mordendem Eis sehr konsistent.“

„Kill your darlings – in diesem Fall wäre das Killer-Eis ein Kandidat? Zumal: ist Hagel wirklich tödlich?“ – „Du wieder mit Deiner anthropologischen Sicht! Frag mal ein totes Insekt, das von einem kanonenkugelgleichen Hagelkorn erschlagen wurde!“ – „Das kanonische Eiskugel-Gleichnis?“ – „Ich muss gerade an eine Ameise denken, die von einer Speiseeiskugel erschlagen wird…“ – „Oder ein Mord an einem Vanille-Allergiker … außer es sind nur Aromastoffe…“ – „Das Wort- und Mord-Material der Wahl…“ – „Könnt ihr mal aufhören und bei der Textkritik bleiben?“ - „Mein Mund ist übrigens versiegelt, gerade bei Lyrik habe ich als Autor das Recht und die Pflicht zu schweigen.“

„Wo?“ – „Es geschah draußen…“ – „Ich erkenne jedenfalls das Beschriebene wieder, wir sind nach dem Gewitter auch an der Pegnitz entlanggegangen.“ – „Das erinnert mich an das Treffen vor einem Jahr oder so, wo jemand aus Tobis Regional-Dysto-Science-Fiction die U-Bahn-Station herausgelesen hat.“ – „Oder bei der Erlanger Lesung die Tagesfliegen-Friedhöfe…“ – „Beim Informatikstudium in Erlangen mussten wir als erstes Palindrome finden, wie ‚So riefen sie den Leichenwagen, weil Leichen auf den Weichen lagen…‘“ – „Ich wiederhole: Können wir beim Thema bleiben? Ich habe mit dem – wenn auch aus Insektensicht korrekten – ‚mordenden Eis‘ Probleme…“ – „da hatte ich – Mist, jetzt fange ich doch an zu erklären – erst ‚tötendes Eis‘, aber das war mir zu schwach…“ – „‘Eis mit Tötungsabsicht‘? Aber ich glaube, mich stört, dass noch aktuelle Handlung impliziert wird, obwohl es ja eher eine Tatort-Besichtigung ist… also ‚gemordet habendes Eis‘? Aber das geht nicht so gut von der Zunge, Kautabak hin oder her…“ – „Der Erzähler war noch geschockt. Eiskalter Mord.“ – „Eiskalte Kritik. Moment, kann ich meinen Textausdruck noch mal haben für die Stellungnahme …“ – „… die Du nicht geben willst, wie ich als Dein imaginärer Anwalt hinzufügen möchte…“ – „Ich glaube, eine Umstellung zu ‚zerflossen in Pfützen, das mordende Eis‘ brächte die Erzählzeit wieder ins Lot…“ – „Mein Mandant nimmt den Vorschlag an. Au! Bei der schwülstigen Formulierung knallt mir gleich mein Handy an den Kopf.“ – „So eine App wäre beim Schreiben oder beim Vortrag sehr hilfreich! Wie heißt die?“

„Wassim, Du hast noch einen Text?“ – „Ja, aber nur zwei Worte.“ – „Wow, das ist ja Haiku im Quadrat!“ – „Ich lese ihn auch nicht vor, denn er hat sich noch nicht in meinem Kopf zusammengefügt. Aber ich habe Tonfiguren geknetet. Hier sind die Bilder…“ – „Auf jeden Fall die interessanteste Vortrags-Art heute! Und der Begleittext heißt ‚Vor der Arbeit, nach der Arbeit‘? Und die Figur danach hat einen riesigen Kopf … die Arbeit ist ihr zu Kopf gestiegen. Ein Wasserkopf von der Arbeit…“ – „Ist das ein Selbstportrait? Ich finde jedenfalls, er hat sich im Ton vergriffen. Höhö.“ – „Höhö. Das waren Ideen ohne Worte. Ich habe die Figuren drei Stunden geformt.“ – „Und das soll jetzt kein Mobbing oder Bashing sein, aber man sieht den Figuren die genannten drei Stunden Arbeit nicht an.“ – „Da gab es doch Zwischenfiguren … wäre cool, wenn Du die alle fotografiert und dann Stop-Motion-mäßig zu einem Film montiert hättest, der abläuft, während Du Deinen Text vorliest… oder ein Video ‚making of‘…“

(ich habe hier noch die Notiz „Dicke Beine: Ameise Horror, Blut und Lymphe.“ Leider kriege ich das nicht mehr einsortiert. Anm. d. Prot.)

„Aus BWL … die Geschichte der Arbeit… der Overhead…“ – „Ich trage den Text dann nächstes Mal vor.“ – „Das wird dann das einzige Treffen jemals, wo die Anwesenden nach dem Vortrag sofort mit Gegen-Texten zum gleichen Thema um die Ecke kommen.“ –„Sind die Figuren gebrannt?“ – „Nein, der Ton ist noch weich…“ – „Wird also wieder eingestampft, das Kunstwerk. Sehr Mandala-‚alles ist vergänglich‘-mäßig …“ – „Viele Deutungsebenen… der Kopf wächst, da mitgedacht… viele Fragen im sich blähenden Kopf…“ – „Naja, ich hatte meine Frage im Kopf, und die Hände haben es übersetzt.“ – „Oder die Frage passt nicht. Voll die Douglas Adams 42-Vibes.“ – „Der Ton ist ja eigentlich passiv, wurde aber plötzlich aktiv und formte mich.“ – „Das erinnert an die goldenen Drehbuch-Regeln: Forme die Figuren, bis sie ein Eigenleben entwickeln.“ – „Oder ein Leben für den Autor entwickeln.“ – „Na, ich bin ja mal auf seine und unsere Geschichten dazu gespannt!“ – „Es ist auch eine Art Tanz. Im Flow. Und wenn Du mit Anfang und Ende nicht zufrieden bist, schneidest Du sie weg.“ – „Also die Tonfiguren? Der tonlose Töpfer… es bleibt dann nur das Gefühl…“ – „So fühle ich mich immer donnerstags, da habe ich vier Stunden Latein am Stück.“ – „Da geht es nur ums Überleben…“ – „… sagte die Biene im Hagelsturm.“

Dann spielten Mutter und Tochter Stein, Schere, Klavier, wer den letzten Text vorlesen darf. „Das war nicht Stein, das war Brunnen!“ – „Wo kommt das bitte im Titel des Spiels vor?“ – „Ich habe noch viele Texte wie das mit der Bank und dem Banküberfall oder Stromwerk oder Muttern und Schrauben…“ – „Mag ja sein, aber ich habe trotzdem gewonnen. Hier ist – nur minimal verspätet – ein Pfingsttext. Und die Überschrift lautet…“ (Hält Tablett hoch: „[θ]“ ). „Das dentale Frikativ, das zischende englische Ti-Eitsch“

Es folgte eine Geschichte über einen Autounfall, die Unfallgegnerin verhält sich äußerst seltsam: sie lispelt, leckt dem gerufenen Polizisten übers Ohr und steckt die Protagonistin und sogar ihr Navi mit dem Lispeln an.

„Die dazwischen gestreuten Sätze aus dem Podcast, den die Protagonistin hört, passen auch gut, weil es ja darum geht, dass Sprache die Welt verändert. Und die Stopptaste stoppt das nicht.“ – „Aber ein sehr verwirrender, fantastischer Text… wietho … pardon. Wieso lispelt die Protagonistin auf einmal?“ – „Hehe, das war jetzt wie der Schlipth von Lord Hesketh-Fortescue bei Loriot. Aber ist doch ganz klar: Die Glattnatter hat sie glatt gebissen!“ – „Und das Navi wohl auch?“ – „Und thie – argh! – sie ist dann Apostelin geworden? Und nicht eher Nazareth statt Jerusalem? He, Autorin! Gib uns Brotkrümel!“ – „Alles gut. Ein Text zum Thema „Verwirren“ darf verwirren, wie einer zum Thema Angst Angst machen darf.“

(Passend hab ich hier noch verwirrende Fragmente: „Fragmentarisch vs. schöne Struktur. Zu Kollaps (der Gedichte): muss so sein, wie beim Witz. Sollänge übersteigen: In die Irre geführt.“ Anm. d. Prot.)

„Aber noch mal, ich will das begreifen: War die Protagonistin schon die Schlange? Ist sie mit sich selbst kollidiert? Ist sie eine gespaltene Persönlichkeit in zwei Autos?“ - „Na, sie ist sie!“ – „Sehr hilfreich.“ – „Na, sie übernimmt die Sprache und Persönlichkeit!“ – „Dann fährt sie mit dem falschen Auto weg.“ – „Überhaupt: Die Autos stören. Die Polizisten braucht man auch nicht.“ – „Und sie radelt oder spaziert mit altem Ghettoblaster und hört den Podcast, oder wie? Und das Navi, das am Schluss ihr neues Reiseziel ansagt, braucht man ja auch!“ – „Da kann man bei E-Bikes ja das Handy in die Halterung klemmen.“

„Übrigens: Du lithpeltht bei den Lispel-Stellen zu wenig beim Vorlesen.“ – „Lustig auch, dass beim Bethprechen höhö des Textes in dieser Runde ein Crescendo des Lispelns zu bemerken war… es ist ganz klar epidemisch, der erwähnte Transfer von Persönlichkeit!“ – „Das Theta-Zeichen hat in der Mathematik übrigens mit Winkeln und Perth…spektive zu tun. Das passt ja auch!“ – „Also thematisch geht es um bröckelnde Realität.“ – „Durch Sprachverschiebung. Hm. Du hattest ja noch die Lesart ‚Traum‘, ich eher ‚Unfallschock‘ beziehungsweise Nahtoderfahrung…“ – „Eine Parabel auf die realitätsstiftende Funktion der Sprache? Oder ist das zu sehr Wunschdenken von Textschaffenden?“ – „Die Hausaufgabe bis zum nächsten Mal steht auf jeden Fall fest…“ – „Die Fahrt nach Jerusalem?“

„Die Fortsetzung drei Monate später dann aber bitte deutlicher aber natürlich unter Wahrung des Show-Don’t-Tell… im Nicht-Aufgehen oder Aufgeben des Textes des Parabelhalters oder -haften. Oder so.“ – „War der Autounfall also eine Kollision?“ – „Ein Pfingstwunder muss ich nicht erklären, Herrgottnochmal! Pardon!“– „Die Begegnung mit der Schlange steht ja für die Begegnung mit dem Teufel, aber warum schickt die zum Missionieren nach Jerusalem? Teufel noch eins! Jedenfalls ein toller Text: Lustig, unheimlich, verwirrend!“ – „Und das war das Treffen mit der bisher höchsten Textdichte: Paul, Coralie, Gerd, Wassim und Antonia haben vorgelesen!“