Freitag, 17. Juli 2026

Ravioli vs Pasta - Fremd im Paradies

 Das ZAM – das Zentrum für Austausch und Machen in Erlangen – allein ist ja schon einen Blick – und natürlich mehr – wert: Eine Werkstätten beinhaltende Begegnungsstätte, ein bisschen wie in Nürnberg die Kulturläden und das KunstKulturQuartier/Komm mit seinen Werkstätten, aber mehr und weiter entwickelt. (Genau! Siehe die Goldfolienvorhänge und den ZAMberg … Anm. d. Prot.)

Und am letzten Freitag fand hier die Lesung und Vernissage „fremd im paradies“ statt: Die MarktschreiberInnen Eckental lasen aus ihrem Buch dieses Titels, das zum 10jährigen von FLEck, dem Flüchtlingshilfevereins Eckental, erstellt wurde. Auch Wortwerkerinnen lasen Texte vor … und eine Musikgruppe spielte … und ZAM stellte begleitende Kunstwerke aus. (Mehrfachnennung bei Mitgliedschaften möglich. Anm. d. Prot.)

Hinter „Lecture Hall 0“, wo schon die Instrumente aufgebaut sind, Uralt-PC-Technik vom seinerzeit Feinsten … siehe Fotocollage … „oh je, ist das die aktuelle Haustechnik?“ – „Nein, eine Mischung aus Hardware-Museum und Arbeitskreis Elektro-Reparatur.“

Im Publikum inkognito bzw. semiverkleidet ein laut Eigenauskunft Prominenter: „Will nicht erkannt werden.“ (Damit kann ich fast immer dienen, auch bei Abwesenheit von Verkleidung. Gibt’s eigentlich eine Demaskierungs- und Namenserinnerungs-App? Anm. d. Prot.) Das erlaubt ein erleichtertes Nicken und die Bestätigung „Klasse, es funktioniert. Ich habe Sie nicht erkannt.“ Das „wer Sie auch sein mögen“ schlucke man dann einfach herunter. 

„Das mit den Spenden statt Preisschildern und Eintritt hat sich sehr gut bewährt.“ - “Stimmt. Und ich muss schon sagen, das Buffet ist ja explodiert, also bezüglich Vielfalt und Menge … ich hatte im Vorfeld eigentlich nur gesagt ‚ich bringe noch Suppe von der Arbeit mit‘. Und dann wollte sich natürlich keine:r lumpen lassen…“ - „Und wo ihr hier schon zufällig so schön nebeneinandersitzt: das ist übrigens meine Mutter.“

Geblättert im Buch „fremd im paradies“: „Misosuppe ist nichts für meinen Gaumen.“ – „Äh … hallo? Die isst man nicht konzentriert!“ Kichern. Dieses „die Leute, die stolz ihre Ignoranz vor sich hertragen, werden doupiert“ ist sooo befriedigend (ist das ein Warnzeichen, dass psychologisch mit einem etwas nicht in Ordnung ist? Anm. d. Prot.)(Es ist ein Warnzeichen, wenn man Autokorrekturvorschläge dauernd ignoriert: „soupiert“ und „toupiert“ wären mit „ou“ geschrieben worden, Du meintest „düpiert“. Aber ich lasse es mal drin, weil es Dich düpiert und damit zum Thema passt. Anm. d. Red.) 

„Nicht klatschen! Das war noch das Einstimmen der Instrumente!“ – „Ja, aber besser als mancher Band Fertigprodukt.“

Barbara Rößner von ZAM dankt für Kooperation von Händen, Herzen und Hirnen. „Wer hat noch nie hinglangd? Nein, das ist jetzt keine Abfrage, wer nicht mit aufgebaut hat, sondern wer noch nie im ZAM war? Ah ja, danke. Also, Werbung: Arbeit verbindet. Wir ‚ZAMzis‘ freuen uns ja immer über das pandemische Verbreiten des Zusammenarbeits-Virus. Denn anfänglich war das ZAM nur die Location für die Lesung, aber dann haben die MarktschreiberInnen uns eingeladen, doch Kunst zu ihrem Text-Projekt zu machen und da haben wir natürlich nicht nein gesagt. Wäre ja auch komisch, wo wir Austausch und Machen im Namen und im Blut haben! Also draußen die Vernissage, da können Sie in der Pause von den Paradeisern und den anderen Häppchen kosten und die Kunstwerke genießen. Fühlen Sie sich wie zuhause, denn Sie sollen sich – gerade an diesem Abend – nicht fremd im ZAM fühlen.“ Applaus. „Musik!“

Hanne Mausfeld startet mit einer Präambel von Wolf Biermann „Paradies uff Erden?“, (S.53) (Die Seitenzahlen immer in Klammern, zum Nachlesen :-) : … das Buch kann man in den Buchhandlungen Eckental bestellen… bei Amazon sind nur ähnliche Titel, aber falsch, wie „Fremdlinge im Paradies“, „Die Fremde im Paradies“, „Fremder im Paradies“, „Der Fremde im Paradies“, „Wie ein Fremder im Paradies“, „Fremde im Paradies“, Anm. d. Prot.) das die Strapazen der Flucht und der Ablehnung beschreiben, die mensch nicht ungeschehen machen kann .. aber unser Lächeln erreicht und ermutigt diesen Menschen.

Dann ihr eigener Text (S. 50) „Ahnungslos 1955“. Remscheid in NRW, die Fünfziger: Die Kinder tasten sich an die neuen „Gastarbeiter“ heran. Buon giorno und Bonbons. Für die Ablehnung – „Itaker! Spaghettifresser!“ – sind die Erwachsenen zuständig… bis auf Utes Vater, beruflich ab und zu in Sizilien. Weiße Flecken im alten Atlas, gesendete Postkarten, aber vor allem die mitgebrachten Leckereien wecken kindliches Fernweh und Reisewünsche nach Palermo … und Spaghetti und Pasta beziehungsweise das italienische Essen generell: wie können die ahnungslosen Deutschen, die Ravioli aus der Dose für normal halten, das als „Fraß“ bezeichnen? Das Publikum kichert konspirativ und ahnungsvoll, ebenso wie bei der Stelle, dass der Panettone bezeichnenderweise von der Firma „Allemagna“ kommt. (dass „Itaka“ einst neutral „italienischer Kamerad“ war, ist interessant, aber die Wortherkunft des schweizerischen Pendants „Tschingg“ ist spannender: Es kommt vom Ausruf „cinch a la mórra“, „fünf im italienischen Spiel Morra“, bei den Römern hieß es „Micatio“. Ein römisches Sprichwort beschrieb eine ehrenwerte Person mit „eine Person, mit der man Micatio im Dunkeln spielen kann.“ Unglaublich, welche Wendungen Sprache nimmt… Anm. d. Prot.)(Pack so was bitte künftig in Fußnoten, damit man das schneller überfliegen kann. Anm. d. Red.)

Emma Kronenberg zählt in „Paradies“ (S. 42 „life, the universe…“) auf, was das Leben alles ist und bringt. Dann der Wechsel zum „Du“, der Person mit dem zerschlagenen Leben, das neben seinem Leben und dem, was es ausmacht, steht – „Deine Augen malen die Welt grau“; und dann dem „Ich“, das hilflos neben dem „Du“ neben Deinem Leben steht … und verzweifelt den richtigen Kleber oder Kitt im Werkzeugverbandskasten sucht, aber kann das „Ich“ das richtige finden, wenn es nie IM Leben des „Dus“ gestanden hat, sondern quasi nur daneben? 

Beim Applaus wirkt das Publikum sehr nachdenklich (klar, erste zweite dritte Person, da hatte ich in der Schule auch immer Probleme. Anm. d. Prot.)(Nein, es – das Publikum, dritte Person Plural – war nachdenklich wegen des ernsten Sujets des Gedichts, Du Banause! Anm. d. Red.)(„Banausen“ waren früher übrigens hart arbeitende, praktische Handwerker. Vorsicht mit dem Bashing! Anm. d. Prot.), und auch der nächste Text ist melancholisch:

Barbara Maisch „Es ist kalt“ (S. 28) … wie schnell ein von der Wintersonne kaum gewärmter, frierender Mensch, ein Obdach- und Wohnungsloser, ein Nomade, ein freiheitssuchender Zugvogel – den „lästigen“ Stadt-Sperlingen gleich – mit „Dreckspatzen“ gleichgesetzt wird. Die oft verschlossenen Herzen um ihn herum – nur einzelne Frauen schenken ihm Turnschuhe oder teilen ihren Schnaps, während er offenherzig mit Sperlingen seine letzten Brotkrumen teilt: „Die Sonne fühlt sich jetzt doch ein bisschen warm an.“

Marina Niehoff „Von der Wahrscheinlichkeit, erschossen zu werden“ (S. 69) bringt dann wieder zum Lachen, wenn auch teils erschrockenem, da makabres wie ein Auto mit Einschusslöchern vorkommt … oder „ja, ja, ein Vulkan bringt Abwechslung, und sei es Katastrophentouristen“: Ingrid und Mauricio scheinen auf der Flucht, da Mauricio zu Unrecht Unterschlagung unterstellt wurde.

Die mexikanische Landschaft, das „Skelett der Zuckerfabrik“ und dass dort vor der Ernte die Felder abgebrannt werden – was Schädlinge bekämpft und paradoxerweise die Ernte erleichtert, aber natürlich auch ungesund und umweltschädlich ist.

Der Perspektivwechsel zum Leiter der Bank, der gedanklich zu dem Skandal um Mauricio wechselt und sich unversehens dem Subjekt der Lästereien – aber vor allem der resoluten Ingrid – gegenübersieht, und verzweifelt versucht, Haltung zu bewahren, führt dann zu befreiendem Gelächter beim Publikum.

Und erst Anna-Lena Descys „Ravioli im 5-Millionen-Sterne-Hotel“ (S.25)! Da stimmt einfach alles: Wie es zu der Idee der „Oldtimer-Schlitten- Rallye“ im „wild beklebten Volvo“ quer durch Skandinavien bis zu den Baltischen Staaten kam, wie die ursprünglichen Erwartungen waren und in welcher Form sie – dank offener Herzen der Einheimischen und einer spontanen internationalen Biertauschbörse – dann erfüllt wurden. Und unter einem verzaubernden Sternenzelt können trotz Sturm und Regen auch Ravioli ein Genuss sein!

Als letzten Text vor der Pause bringt die Wortwerkerin Tina Stark „Die Insel“ zu Gehör.

„Der Vorleseplatz wurde mir nass überlassen, zum Glück Wasser- und keine Rotwein-Flecken … das muss noch der Regen aus Anna-Lenas Geschichte sein, aber Wasser passt auch zu meiner.“ (und es wird kein „fremd im Paradies“, sondern „Paradies in der Fremde“ Anm. d. Prot.)

Von Neugeborenen, die der warmen Geborgenheit nachtrauern, über das Verlassen von Orten und das Begeben in neue – „alles anders auch man selbst“ – kommt die Ich-Erzählerin auf ihre in der BRD zerstreuten und zerstrittenen Familie und von dort zum Paradies, das – wie die Kunst – bei Max Ernst und Caspar David Friedrich nahe an der Kindheit ver(sehnsuchts)ortet werden. Die Ich-Erzählerin, trocken: „Mein Heimatort, ein Paradies? Nein.“ Ein spontaner Kurzurlaub, nach Ewigkeiten mal wieder am Meer, bringt erstmals das Gefühl, heimisch zu sein… „… in der Fremde? Kann das sein?“ 

Natürlich wird das wieder mit vielen liebevollen Details angereichert, etwa bei den Hügelgräbern den Geschichten der Steinzeittoten zu lauschen und umgekehrt, oder salzige Abschiedsszenen am Meer (soll das auf Tränen und Meerwasser anspielen? Bitte kein Nachdichten! Das kam so nicht vor! Anm. d. Red.)(Aber das Freiheitsgefühl beim Tauchen am Schluss wohl! Anm. d. Prot.)

„Jetzt noch etwas Musik in der Pause und Gespräche mit den Künstler:innen in der Vernissage!“ (war es peinlich, als Erster – und dann von den anderen erst einmal ungefolgt, da sie weiter sitzend der Musik lauschten – aufzustehen und zur Ausstellung und dem zufällig sich dort ebenfalls befindlichen Buffet zu gehen? Ich frage für einen imaginären Freund und Mitarbeiter… Anm. d. Red.)(Mich würde eher die emotionale Reaktion der Leserschaft interessieren: Fremdscham, Erleichterung dass es anderen auch mal so geht, etc.? Anm. d. Prot.)

„Hallo, Fremder!“ – „Wenn das in einem Buch oder Film auftaucht, ist immer klar, dass das scherzhaft oder spielerisch zu bekannten Gesichtern gesagt wird, nicht zu tatsächlich fremden Personen!“ – „Von vom war noch mal der Spruch: ‚Fremd ist der Fremde nur in der Fremde?‘ Und lasst eure Handys da, wo ich sie sehen kann!“ – „Sich beim Get-together einfach bei einem fremden Grüppchen dazu zu gesellen, muss man sich erst mal trauen …“ – „Stimmt. Aber wo, wenn nicht auf dieser Vernissage?“

„Hier, bei diesem Kunstwerk darf man einzelne der Kärtchen, die dieses Gesamtpanorama ergeben, austauschen … gerade auch das farblich leicht verfremdete…“ – „Ach so! Tut mir leid, Jahrzehnte der ‚Bitte nicht berühren‘-Erziehung … bitte in solchen abweichenden Fällen ein ‚Berühren / physische Interaktion mit dem Kunstwerk explizit erwünscht‘-Schild anbringen.“ – „Werde ich mir merken. Nein, auf der Rückseite sind die Kärtchen nicht bemalt, Sie können es aber natürlich trotzdem auch andersherum hinhängen… dadurch wirkt es halt leicht abstrakt…“ – „Stellt dann vielleicht Schüchternheit und Ängste dar… hm…“ - „Und der Snacktisch ist dann das Kunstwerk zum ‚Anfassen und Anbeißen‘…“ 

Agnieszka W. Baszczyńska von Wortwerk liest „Verzerrt“ vor, eine – trotz nicht vorhandener Handlung! – spannende Science-Fiction-Dystopie, bei der das Setting „Menschheit ausgestorben, die Maschinen werkeln – sich selbst reparierend und erhaltend – weiter“ erst nach und nach klar wird.

Der Text hält das Publikum in der Schwebe, zwischen Schrecken und Amüsiertheit … dass nach dem Tod des letzten Menschen die Spuren seiner Unordnung zügig beseitigt wurden… dass die Menschheit den Maschinen die Sinnlosigkeit vorgelebt hat … „Ist ein menschengeschaffenes Paradies besser ohne Menschen?“ … dass Benutzer weiterhin simuliert werden, bei denen News und Actionkino sehr beliebt sind, Nervenkitzel als sinnloses Echo in friedlichen Zeiten. Letzte Datenwellen der Menschheit, wie Gezeiten. Ein wie in einer bewegten Pfütze verzerrtes Spiegelbild der Menschheit. Kraftvoller Applaus, da dieser nicht wie das Lachen im Halse steckenbleibt…

Ralph Smutny (S. 83) „Das falsche Paradies?“: Ist Protagonist Yoshi in der Kurzgeschichte im falschen Film bzw. Paradies? Aber wieso falsch? Der beschriebene Garten ist doch die pure Idylle! Aber sein Meister gibt ihm fürsorgliche Schläge auf den Rücken, um seine Meditation, das Zazen, wieder in die richtige Richtung zu lenken, nämlich der Suche nach Erleuchtung. „Aber das war doch schon paradiesisch?“ Selten konnte ein Publikum den inneren Konflikt eines Charakters so goutieren! (Dou mit Deinen „ou“s allerweil… Anm. d. Red.)

Die Erzählung „Der Einkauf“ (S. 54) von Irmi Knappe hält das Publikum hingegen auf den Kanten der Sitze (kommt daher die Redewendung „auf Kante genäht“? Anm. d. Prot.): Eine Reise nach Delhi, „auf den Spuren der Maharadjas“, fällt einem Paar sozusagen in den Schoß, wegen kurzfristiger Verhinderung der Buchenden, allerdings verirren sie sich zwischen den Planenhäusern, obwohl sie initial die Empfehlung der Reiseleitung „Rikscha rufen, Preis vor Start aushandeln, so seid ihr sicher unterwegs“ einhalten… die Spannung steigt. „Sie blicken in fremde Gesichter, die ihnen ihre eigene Fremdheit spiegeln“ ragt als starker philosophischer Satz heraus. Ein Junge organisiert einen Angehörigen mit Auto, der sie zurück ins Hotel bringt. „‘Glück gehabt‘, sagt die Reiseleiterin, ‚die Chancen standen 20 zu 80.“ Wieder Lachen, das nicht völlig unbefangen ist.

Völlig unbefangen hingegen Stefanie Hengstmann von Wortwerk mit dem Gedicht „fremd im Paradies / Auf der Suche nach Eva“: In der weiblichen Fanrunde im Anschluss wurde die vorzügliche Anzüglichkeit des Gedichts diskutiert, in dem Adam einen Apfel verspeist und dabei dauernd an Eva denkt. (quasi: „also, bezüglich der auch in Auszügen vorhandenen An- bzw. Auszüglichkeit…“ Anm. d. Prot.)(Gib zu, Du bist froh, dass die diese Einschätzung ausgesprochen haben. Anm. d. Red.)

„Adamsapfel, aussamend“ wäre laut Autorin dann der Titel des „Making-of“, der Entstehungs- oder Migrations-Hintergrund von Vermieterbrief zu Gedicht … zu Kunstwerk. 

 „Hier, auf dem Kunstwerk von (Name von der Redaktion geändert. Anm. d. Prot.)(Das stimmt doch gar nicht! Du hast ihn nur nicht notiert / erfragt! Anm. d. Red.) mit dem gepressten Original-Unkraut, sind die relevanten Auszüge des Briefes, den meine Vermieter mir geschickt haben, eingearbeitet. In denen geht es um den Wildwuchs in meinem Gartenteil. Das hat sozusagen eine künstlerische Kettenreaktion angestoßen.“ – „Verstehe. Das ‚aussamend‘ war also das Wort des Anstoßes, zur Erstellung des Gedichts.“ – „Genau. Anfänglich wollte ich die Vermieter noch zur Vernissage einladen, aber …“ – „… aber dann lieber doch nicht eingeladen zum Lauschen des anzüglichen Gedichts?“ – „Genau! Wir wollen schließlich kein Be- oder Ent-Fremden.“ – „Ja, lieber keinen Streit vom zugewucherten Zaun brechen.“ – „Das wird sicher mal eine Redewendung: ‚veredelst Du mahnende Vermieterbriefe zu anzüglicher Kunst, lade sie nicht ein!‘“

(Adams Apfel fällt nicht weit vom Zaun, könnte man also abschließend sagen. Anm. d. Prot)(Ich antworte erstmalig mit einem Emoji, nämlich „Augenrollen“: 🙄! Du solltest lieber erwähnen, dass sie neue Interessentinnen für Wortwerk angeworben hat, und zwar sehr clever, sehr niederschwellig, „anfangs gerne einfach nur zuhören“ … Anm. d. Red.)(„Anzügliche Texte beim Anwerben neuer Mitglieder“ … eine mögliche Studie für die ganzen Sekten? Anm. d. Prot.)

Carola Grossmann „Von Berlin in die Fremde“ (S. 37) zieht einen mit dem Setting „begegnen sich zwei Berlinerinnen in der hiesigen Fremde“ sofort in die Handlung, in den Dialog, der die konkreten Mauerbau-Erinnerungen „letzte Entscheidungsmöglichkeit: wo woll‘n se hin, West oder Ost?“ mit makabren Familiendetails wie „Mama, die Kinder sagen, bei eineiigen Zwillingen stirbt das andere oft kurz darauf“ / „ihr wart zweieiig“ ergänzt… wieder ein meisterlich geführtes Changieren zwischen fröhlichem Lachen bei „beim Antrag auf Versetzung stand Bayern und Australien zur Auswahl, beides gleich fremd…“ zu steckengebliebenen Lachen, dass bei den schikanösen Grenzkontrollen das imperialistische Mickymausheft konfisziert wird. Das Johlen im Publikum bei der Schlusspointe „een Erlanger Jesellichkeitsvereen hat uns als Edelpreußen aufjenommn“ wird entsprechend betreten gleich wieder abgebrochen.

„Fremd in der Waldstadt“ (S. 48) von Fiona Schnorr nimmt die Perspektive der Fremden ein, quasi ein „Zauberhaftes Idyll hier, aber leider ist mir alles fremd.“ Nur ein kurzes Gedicht, aber mit kraftvoller Botschaft, dass mit jedem einen Schritt das Gefühl der Zugehörigkeit auftritt, aber mit jedem zweiten, nur zu Gast zu sein.

Last but not least Maike „Ich will nicht das letzte Wort haben“ Bodry mit „Vergessene Gärten“ (S. 64), das auch vorne bei der Vernissage an einer (leider nicht abblätternden oder umrankten! Das hätte gepasst! Anm. d. Prot.) Säule ausgehängt ist. Ihr Text beschreibt mit allen Sinnen ein verwunschenes Kleinod. Das Städterbetonherz platzt auf – sowohl den Zuhörer:innen, aber auch der Ich-Erzählerin im Text.

„Du musstest auch lachen, als sie das ‚quiiiiietschen‘ der Angeln so deutlich gelautmalert hat, oder?“ – „Ja! Und ‚verwildert‘ ist ja das neue ‚super gegärtnert, Biodiversität und Bienen erhalten, top…‘“ – „Naja, noch nicht in allen Köpfen… gut gefiel mir auch das ‚famoos‘ oder das ‚Walnussfloß‘. Und das Katzenohrentraumzucken!“ – „Das waren so Vibrations, was alles möglich wäre… erinnert mich an ein Interview mit Jane Goodall, wo sie so sagt ‚ich habe kein Problem damit, mich in Städten aufzuhalten, ich trage den Dschungel im Herzen‘ … oder so …“ – „Ja, Maikes Gedicht ist auch so ein Kraft-Care-Mental-Paket für grau-urbane Verzweiflungsmomente … der Dschungel in klein … das erinnert mich an das ‚Buntes Amt für Zukunft‘ … musst Du mal suchmaschinieren… Visualisierungen von wirklich grünen Städten am Beispiel Nürnberg …“ – „Ok, mach ich, aber suche Du mal nach ‚Studie Stadtbäume‘ und dann jeweils Uni München, Uni Gießen, Uni Karlsruhe dahinter … aber welche Kommune setzt die gegebenen Empfehlungen schon um?“ – „Psst! Bitte nicht in die Musik plaudern!“ – „Nein, schon gut, das ist jetzt wieder das Stimmen der Instrumente.“ – „Genau, die Hitze verstimmt nicht uns Musiker:innen, haha, aber sehr wohl die :instrumente! Jetzt aber zum eigentlichen Stück…“

„Zugabe!“ – „Wir wollen den Bandnamen!“ – „Zugegebenermaßen waren wir auf keine Zugabe vorbereitet, aber hier noch mal das erste Stück, das sowieso gut zu den Temperaturen passt: ‚verschneite Birken‘. Einfach vorstellen, vielleicht hilft das…“ (fade out to second come-together Anm. d. Prot.)

Intertextuell bzw. interkunstwerklich tolle Themen- / Perspektiv- / Leichtigkeits- / Formats-Wechsel! Ein gelungener kunstprallvoller Abend von Menschen, die das Herz am … äh, rechten Fleck haben! Das Wort lassen wir uns nicht auch noch kapern!

Liebe Grüße Jogi

PS: heute schon gegen die Gas-Lobbyistin und den Blackrock-Außendienstler protestiert / petitioniert / demonstriert?







Samstag, 11. Juli 2026

Kläffende Wunden oder Drusenfieber sind Nudelholz wie Teiggesicht

 Aus der Reihe „Hallo in allen Sprachen dieser Welt:“ „A geh, griaß eich, dere! Servas, Hawaras!“ (Oder „Gfraster“? Hm. „Wursthaut“ ist ja bajuwarisch, von den „Rautenschneidern“, aber die Begrüßung soll aufgrund des Grazer Gastes, Stefan Schmitzer, steirisch sein. Anm. d. Prot.)

Verdichtet gesagt: War das am Montag wieder eine hohe Textdichte! Und hohe Beindichte – bis zu vier, bei Erika – und hohe Dichterdichte, selbst bei den Romanciers! Sowie gebührliches über-border-ndes Roaming, und ein – dem Spontan-Publikums-Preis der Anwesenden nach – Bachmannpreisträger-in-spe, aber: psst! Das Wort wurde vergällt, verpönt, verpökelt, vernongratiniert. Und obwohl alles deutschsprachig: Frau Holle die Waldfee / Percht, gibt es an unvermuteten Stellen – anders beim allseits bekannten Casus „Matura = Abi“ – Redewendungsabweichungen zwischen Ö und D, sag ich euch! Wie eine Nudeljacke, wie eine Teighose! Aber der Reihe nach, sprach einst eine Mathematikerin.

--- Eins: Ein Eins tieg.

"Das ist Erika, unser Literaspurhünd." – "Angenehm." – "Sie hat einen Sprachfehler: Wenn sie knurrt, während sie den Kopf in Deinem Schoß hat, heißt das, dass sie weiter gekrault werden möchte." – „Und wenn ihr mein Text nicht gefällt, beißt sie in der Position zu?“

"Das erinnert mich daran, wie sich unser Kind auf der Hundewiese ohne Vorwarnung mit vollem Karacho auf einen Kampfhund, Galactica, geworfen hat, der doppelt so groß und schwer war wie sie. Alle Beteiligten - inklusive der Kampfmaschine - guckten perplex, ohne zu reagieren."

"Und dann?"

"Naja, wie bei der Geschichte mit dem Presslufthammer und dem Ei: Hast Du gedacht, das Ei gewinnt? Nein, Quatsch: zum Glück alles gut, der Kampfhund hat dann einfach zurückgekuschelt."

„Seid ihr Team ‚mutig beim Ausprobieren neuer Eissorten, z.B. mit Kräuternoten‘ oder Team ‚ich vergleiche meine festen Eissorten quer durch die Dealer/Dielen?‘“ – „Bin nicht so der Süße. Aber apropos Teams: Ich bin ja normalerweise Team ‚kleiner Buchhändler‘, aber Bücher von Wortwerk-Kolleg:innen in kleinen Verlagen muss ich wegen langer Laufzeiten dann doch online bestellen…“

„Oh cool, etwas jazzige Saloonmusik zum Treffen! Aus welcher Box kommt die? Ach so, aus dem Biergarten…“

„Ein Neuer! Heißt Du Manuel, höhö?“ – „Rote Karte für diese WM-Anspielung!“ – „Die nimmst Du sofort zurück, sonst weise ich Deine Mannschaft aus! Jedenfalls willkommen! Ach, Du bist es, Tamás. Mit Bart und Mütze warst Du aber wirklich kaum wiederzuerkennen!“

„Wie verzweigt sich der Stammbaum des pegnesischen Blumenordens?“ – „Übrigens: die Mitgliederbeiträge sind deutlich moderater als beim PEN, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Also bitte gefälligst bezahlen! Nein, Du nicht, wenn Du gar nicht Mitglied dort bist.“


 --- Zwei: Der schulische Weg

Bettina: „Ich belebe gerade ein altes Projekt wieder, das schon ein paar Jahre unvollendet in der Schublade ruht. Daraus will ich euch einen Dialog vorlesen. Ach, Coralie muss gleich aufbrechen? Gut, dann wird ihr Text vorgezogen.“

Die noch schulpflichtige Ich-Erzählerin berichtet von ihrer Freundin, die daheim keine Förderung beim Lernen erhält, im Gegenteil. Sie hilft ihr auch nur sporadisch, und steht nicht genügend für sie ein; macht sich dafür Vorwürfe, aber „ich erkenne immerhin die Linie.“ Wie immer einige Satzperlen wie "die Abwesenheit von Wörtern" (im bildungsfernen Elternhaus). Frage an die Runde: wie soll der Text sich weiterentwickeln?

„Genau, jetzt müssen die Charaktere etwas erleben! Aber was? Ein Drama auf einem Schulausflug?“

"Du kommst ja nicht aus einem bildungsfernen Elternhaus. Du müsstest Dich mit dem Thema nicht auseinandersetzen. Tust es aber. Allein das finde ich schon toll!"

Ausführliche Diskussion des Schulsystems, die gaußsche Glockenkurve auch bei Begabung, und wie Spannung ins Verhältnis der Protagonistinnen kommen kann: zieht die Freundin trotz mangelnder Förderung an ihr vorbei, da sehr begabt, vielleicht in einem Einzelfach wie z.B. Mathematik? Ein Zeitsprung, wie sie sich ein paar Jahre später entwickelt haben?

"Was mich interessiert: was hatte das Kind da auf dem Elternabend zu suchen?"

"Die Protagonistin, also nicht die Ich-Erzählerin, sondern die beschriebene Freundin aus dem bildungsfernen Elternhaus, solltest Du klarer herausarbeiten. Vielleicht ein Mathegenie? Bekommt sie wie bei ‚Good Will Hunting‘ mit Matt Damon und Robin Williams einen Guide zur Seite gestellt?"

„Also die Bekannte, die Personalerin bei Siemens ist, sagt, dass ihr Leute lieber sind, die sich durchgebissen haben.“ – "So wie Erika?" -„Zuversicht. Das ist das Wichtigste, was man Kindern mitgeben kann und muss.“

„Als Nebencharaktere vielleicht noch eine Art Good Cop / Bad Cop bei den Lehrern?“ – „Ja ja, die Lehrer:innen...“ … die Runde versinkt für ein paar Sekunden in Schweigen und Erinnerungen. „Man hat fürs Leben gelernt: Die schlechten musste man entweder ignorieren oder mit den zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen.“

„Mama, rufst Du mich dann an, damit ich auf dem Nachhauseweg weiter hier mithören kann?“ (Das Multimedia-Angebot der Wortwerk-Treffen muss definitiv ausgebaut werden! Anm. d. Prot.)

„Ja, ja, wenn Coralie dereinst im Kultusministerium arbeiten wird, werden Kritiker:innen den heute besprochenen Text hervorziehen … die einen, denen ihre Reformansätze zu weit gehen, mit den Worten: ‚seht diesen alten Text von ihr, sie war schon immer Revoluzzerin!‘ ... die anderen, denen ihre Reformansätze nicht weit genug gehen, mit den Worten: ‚seht diesen alten Text von ihr, da hatte sie noch Feuer / Pfeffer / Eifer / whatever, aber jetzt?‘“


--- Drei: Bilateral dialogisch

„Jetzt aber Dein Dialog, Bettina!“ – „Wider den Konsensbrei. Es geht um die Geschichte von Jan und Antonia…“ - Die wahre Antonia: "Schön, dass Du Dir schöne Namen für die Charaktere herausgesucht hast!" 

Die Journalistin versucht durch provokative Fragen, die makellose Fassade des Politikers einzureißen: „Mit Deiner Eloquenz und körperlichen Präsenz ist so eine glatte, überlegene Haltung ja auch keine Kunst.“

„Und die Frage an euch: Dieser Perspektivwechsel in der Mitte: Passt der so?“

„Jedenfalls ein sehr spannender Dialog! Ein Pokern, vorgetäuschte Provokationen und Arroganz… aber neben den beruflichen Interessen auch das private Flirten…“ – „Ja, klar, natürlich war das auch eine plumpe Anmache. Für Leser wie Dich sollte diese Erkenntnis auch durchscheinen.“ – „Ja, scheinbar scheinwahr.“ – „Der Dialog wirkt konstruiert, aber im positiven Sinne, als Stilmittel.“ – „Aber sagte Bettina nicht, dass es eine verdichtete bzw. gekürzte Mitschrift echter Gespräche ist?“

„Deine Protagonistin sagt irgendwann 'habest'". - "ICH als Autorin rede so, das passt.“ – „Naja, aber Deine Antonia nicht! Ich habe ihr das 'habest' nicht geglaubt. Nicht so radikal. Und wie alt ist die Ich-Erzählerin eigentlich? Von der Sprache her ziemlich jung.“ – „Nein, ich glaube, da haben wir den Kasus einer altersfälschenden allwissenden aber das Wissen nicht an die Leserschaft weitergebenden Erzählerin.“ – „Ja, aber die Bezeichnung 'Alt-Feministin' fiel doch?" – „Das könnte auch angelesen sein, aus Büchern des Vorjahrhunderts.“ – „Voll das Mansplaining hier.“

„Die Konstruiertheit der Dialoge erinnert an Erasmus Schöfer … kann ich jetzt gar nicht so wiedergeben, aber so der eine Stahlwerker zum anderen: ‚Willi! Was hältst du von den Beschlüssen des Ministeriums?‘ – ‚Ja, keine Ahnung haben die, oder?‘“ – „Stahlwortwerk. Gestähltes Wortwerk. Das Stahlwerk stahl Stahl oder eher das ‚Werk‘ von ‚Wortwerk‘.“ – „Die waren aber zuerst da. Und Stefan ist übrigens in der Band 'fun + stahlbad'“ – „Das erinnert mich an die Band Emma6, wo die in der Badewanne sitzen und singen...“ – „Zurück zum Text, bitte: Die Protagonistin fährt beim Provozieren ja eine Dreifachstrategie... der Flirtversuch verläuft ja auch sehr glatt...“ – „Nein, gar nicht!“ – „Doch!“ – „Oh!“

„Und wieso kam da jetzt ein 'Haha' bei der Erklärung zu ‚Heldinnenreise‘?" - "Weil ich als Erzählerin das zu profan und hier auch nicht richtig zutreffend finde.“

„Ich hätte gerne mehr Bilder und Beschreibungen in der Szene.“ – „Genau, wie bei Degenhardt: Im Eck steht immer ein kaputtes Auto.“ – "Später kommt eine Hafenlocation mit Containerschiffen, auf die beide Protagonist:innen mit Fernweh starren. Reicht das?“ – „Das ist dann Schweigen beim Fern-Sehen. Klassisches Bärchen- äh Pärchenverhalten." – "Aber ich möchte anmerken, dass es auch im Garten viele Bilder, Vergleiche, Metaphern gäbe..." - "Nein!" - "Doch!" - "Nein!“ – „Oh...der sie beobachten eine schwarze Witwe, die ihrem frischen Ex gerade den Kopf abbeißt..." – „Zum Glück ist das keine Demokratie. Sondern eine Autorin und ihr Text. Keine Bilder in der Gartenszene.“ – „Sie macht ihren eigenen Bildersturm.“

„Und wie bei der Jazzmusik hier im Hintergrund, die überhaupt nicht die Konzentration stört: Versuch noch zu variieren…“ – „Frage / Antwort, oder wie?“ – „Vielleicht eine Variante mit strikter Introspektive-Verweigerung, also komplett dialogisch?“ – „Das ist dann sozusagen eine gestellte Innenperspektive, was immer das auch heißt.“ - "Und sagtest Du vorhin 'Kater Murr' oder 'Katamor' und falls letzteres: was heißt das?"

(Du versuchst schon wieder unzuordnebare Notizfragmente in die angeblich stattgefundenen Dialoge zu mogeln! Anm. d. Red.) (Ich habe hier noch ein „Ich muss ihn in Schutz nehmen, wir hatten eine Zugverspätung wegen meiner Zum-Zug-Verspätung“ / „nein, er hat sich nicht schützend vor den Zug geworfen.“, das ich zeitlich und personell klar zuordnen kann, aber da passte es im Protocollage-Fluss grad nicht… Anm. d. Prot.)(Moment. Du versuchst hier ja immer eine Art Echtzeitablauf-Mitschrift ohne fancy Zeitebenen-Sprünge und so, und schaffst es dann nicht, das Mitgeschriebene an der richtigen Stelle einzuordnen? Wie schafft man das denn? Du schaffst mich … Anm. d. Red.)

"Jedenfalls drücke ich die Daumen für die Veröffentlichung dieses tollen Textes!" - "Habt ihr gehört? Lob von Stefan! Das ist was fürs Tagebuch." - "Na, na, diese Darstellung, also dass ich im Allgemeinen und im Speziellen Dich selten lobe, muss ich aufs schärfste kritisieren...“ – „Daher kommt der Spruch: Lob und Kritik liegen oft dicht nebeneinander.“ – „Oder Gelobte:r und Kritiker:in…“


--- Vier: Viererkette zensiert.

Nein, das wird erst fünf, denn wieder eine aufbruchszeitbedingte Rochade, Tamás: "Ich muss zum Zug, also lese ich. Teil Drei meiner Reiselyrik." – „Die solltest Du dann im Zug den Mitreisenden auch noch mal vorlesen, ist dann authentisches Setting und so …“

„Wie heißt das bei Steinen, wenn innen das funkelnde Dings? Druiden? Drüsen? Düsen? Drusen? Damnit. Jedenfalls fantastische Stellen wie das ‚ich wurde angespült‘, obwohl ja angereist … aber darum herum noch ein paar wegzuschleifende Rohstellen ... also zu ottonormalformulierte… etwa die Lebensfreudereanimationshoffnung.... und die ‚zarte Brise‘... das ‚und dann‘ wie bei einem Prosatext... und dann wieder fantastische Stellen ...“ – „Druiden...“ – „Klappe. Stellen wie ‚der Rhythmus, der nicht gehört, sondern bewohnt‘ wird ... und beim 'unendlich deutsch' mussten ja alle lachen ...“ – „Genau, da sind wir wieder beim ‚es gibt deutsch deutsch und richtig deutsch‘, wie Stefan vorhin sagte ...“ – „… nur beim 'Ort wie ein offenes Herz' ist mir als Medizinerinnen-Söhnchen nicht ganz klar ob positiv weltoffen oder klaffende Wunde gemeint...“

„Manches weiß ich auch nicht mehr, Erlebtes verblasst nach einem Jahrzehnt...“ –„Deshalb immer Notizbuch oder Handy dabei und live dichten, wie bei Tiefkühlgemüse bleiben dann die Erinnerungen frisch.“ – „Gemüse hat Erinnerungen?“ – „Nein, ich meine ... Blödmann.“ – „Dann schon bitte Gemüsebezug: ‚Du Erbsenerzähler bist dumm wie Bohnenstroh!“ – „Wichtig ist jedenfalls: die Balance zwischen schön und kitschig ist ein messerscharfer Grat... wenn wir nur Postkartenmotive mitkriegen, knirschen wir mit den Zähnen...“ – „Genau, Erika: Fass!“ – „Die ist doch schon weg. Außerdem überwiegen im Text ganz klar die Dru-Dinger.“ – „Also mehr das Empfinden wiedergeben.“ – „Ja, aber das ist sauschwer... eventuell umdrehen: erst ein Bild suchen, und dann die Bedeutung dazu.“ – „Ja, wie beim Anspülen ... das auch einen Bezug zu Bootsflüchtlingen hat ... da bleibt das Gefühl der Verlorenheit bei den Hörer:innen erhalten, auch nachdem es sich aufgeklärt hat, dass der Erzähler nur normal angereist ist und ein 'hat es mich hierher verschlagen' gemeint hat.“ – „Der verschlagene Erzähler…“ – „Sei still, Du Lauch.“ (Anm. des imag. Justitiars: „Teile der stattgefundenen Dialoge könnten die Leser:innen verunsichern“… pardon, falsche Textkonserve… „Die Dialoge fanden sehr zivilisiert statt und wurden vom Protocollagisten aus stilistischen Gründen nachträglich zugespitzt. Und vielleicht hieß das statt ‚Du Lauch‘ auch ‚Durchlaucht‘. Daraus ergäbe sich dann eine komplett andere…“)(Du bist noch langatmiger als mein Protocollagist. Anm. d. Red.)


---Fünf: Angespülte Drusen klaffen

(die ganzen Ankündigungen mit anschließend geänderter Wagen- und Vorlesereihung haben den Protocollagisten offenkundig durcheinander gebracht. Wir bitten um Entschuldigung. Anm. d. Red.)

"Jetzt aber zu dem aufblasbaren Elefanten im Raum, der angeblich im Vorfeld stattgefunden habenden Zensur von Pauls im Vorfeld per Mail verteilten Drehbuchentwurf. Beziehungsweise dem Vorwurf, dass er ihn hier nicht vorlesen darf."

"Ich habe den Text nicht gelesen, aber das Video angesehen.“ – „Ein Video zum Text?“ – „Nein, da war noch ein Link zu einem Musikvideo, also einem zweiten Thema. Und das ist wenigstens Kunst, während das Drehbuch ja vom Autor selbst bereits in der Begleitmail abgewertet wurde!"

"Wie jetzt: Fand oder findet da wirklich Zensur statt? In dieser Runde? Ich bin entsetzt." - "Mooooment. Ich habe ihm - in einer PM, wie man da heute sagt ...“ – „… früher war das ein Populär-Wissenschaftsmagazin ...“ – „... ich habe ihm in einer direkten Nachricht Feedback gegeben. Aber das heißt doch nicht, dass er nicht vorlesen darf!“

„Also, dann lies vor!“ – „Nein!“ – „Doch! Denn sonst war doch der ganze Kampf für die Meinungsfreiheit zum Teufel!“ – „Nein, es ist ja auch kein Text, sondern ein Pitch, und schnell erzählt, eine 90-Minuten-RomCom vom Fließband, zwei Paare, erst sind die falschen zusammen, später die vom Publikum schon von Anfang an gefühlt richtigen.“

„Ich bin mir sicher, in irgendeinem How-To zu Pitches steht, dass man begeistern soll, nicht schlechtreden.“ – „Klingt aber wirklich wie 0/8/15. Können die Männer nicht schwul wirken oder sein? Das macht die Viererkombo interessanter.“ – „Und es gibt so viele interessante Subgenres! DystRom, DarkRom nicht zu verwechseln mit Dark Room, RomDrama bzw. Dramedie, Romantasy, Chick Lit, New Adult, Fake Dating, Screwball, Romantic Heist..."

„Ich habe es schon gelesen, aber die Charaktere sind mir zu sehr durcheinandergepurzelt und die Namen zu ähnlich ... da hatte ich keinen Anker...“

"Die Zielgruppe sind so etwa 35jährige Frauen..." - "Also, meine Töchter sind in dem Alter, die gucken hochintelligente Serien, nicht so plakatives ..."

"Ich glaube, wenn man das auf einen Kurzfilm in der Länge eines Werbespots eindampft, wird es ein richtig gutes Kunstwerk."

"Was meinst Du mit 'Drehbuch-Krankheit'?" - "Na, wenn der Drehbuchautor schon auf Seite 2 weiß, wo er auf Seite 90 hin will." - "Das ist doch kein Beinbruch!" - "Genau! Ich muss auch gestehen, auch ich als Lyriker mit Anspruch habe Spaß an solchen Filmen... die Chemie der Charaktere und des Settings zu erspüren …" - "Jaja, 'Plot Armor', die Logik von Drehbüchern bzw. der Schutz von fiktionalen Charakteren durch den Autor... sie überleben selbst tödliche Situationen." - "Bei ihm aber Plot Amour."

„Jedenfalls habe ich Spaß an Serien wie ‚Person of Interest‘, wo die KI Überwachungskameras monitort und anfangs nur Sozialversicherungsnummern von Opfern und Tätern ausspuckt. Und die Maschine dauernd nachdenkt, aber immer fehlerhafter, immer abstrahierter... so nach dem Motto ‚now i make a sadistic remark‘“

„Gibt es schon einzelne ausgearbeitete Szenen von Deinem Drehbuch?“ – „Ja, fast zweihundert Seiten sind fertig.“ – „Dann bring das nächste Mal bitte eine konkrete Szene mit, zu der Du Feedback möchtest.“ – „Ja, und zwar eine, die Dich selbst begeistert!“


---Sechs: „Flussfrau“ - Die, deren preisgetragener Name nicht genannt werden darf

Und last but not least: Stefan! Lyriker goes Romancier!

„Was ich gleich vorlese, ist keine Stelle aus dem Roman, also der eigentlichen Romanhandlung, sondern aus einer Zwischenszene... in solchen Zwischenszenen spielen Kinder, die nicht direkt Protagonist:innen sind, immer irgendwelche Spiele… Spiele, die die Handlung auch nicht erklären oder kommentieren. Also ein eher planloser griechischer Chor. Sie spielen auch keine bekannten, realistischen Spiele, sondern z.B. ‚Lager und Insasse‘ oder –wie hier in der Szene – ‚Podiumsdiskussion‘. Also, das, was sie davon verstehen. Aber trotzdem ist die Sprache komplex, Laudationester in D/E/F (also nachgeä-fft? Anm. d. Prot.) also gar nicht die reelle Kommunikation der Kinder, das kann nicht sein, dafür zu komplex, und dann tritt die Stimme des Autors auf.“

(Und all das vom Autor erläutert, wohlgemerkt... während man dann irgendwann merkte, dass er schon vorliest... im ersten Moment denkt man dann als Zuhörer noch, dass er begleitende Erläuterungen also quasi die Packungsbeilage vorliest, aber dann wird einem klar, dass es sich schon um den eigentlichen Text handelt und dann fragt man sich als Protocollagist: wie soll man das einfangen / dem geneigten eigenen Pisa-Publikum geeignet rüberbringen? Anm. d. Prot.)(Selbstreflektion / Selbstkritik des Protocollagisten … das muss ich mir im imaginären Tagebuch / Kalender markieren... aber es stimmt wohl: Ich habe auch andere protokollierte Aussagen imaginärer Zeugen, dass Stefans Performance un(er)fassbar unwiedergebbar war. Anm. d. Red.)

Aber quasi Dark Romance (schnell den Kopf einziehen! Anm. d. Prot.), da ein Werwolf und ein Moloch (ich glaube das ist auch eine Fantasy-Figur? Anm. d. Prot.) vorkommt, kiffende Staplerfahrer, die von leeren Feldern nach Italien brettern, und ein – in echt oder zumindest nicht in der untersten Handlungsebene – sterbender Vater. Als wisch i wasch i wusch ig Haus-Hof-HNO-Protocollagist muss man – zumindest psychologietechnisch – noch weniger recherchieren als als Lyriker. Hals. Alls.

Und die schneidende, hirnverätzende Sozialkritik – eventuell lässt da Stefans Theaterstück „Schiffbruch mit Zuschauer“ grüßen – dass die Fische ertrunkene Flüchtlinge gefressen haben und wir essen jetzt den Fisch... auch Kannibalismus überspringt Generationen. Und wir sind immer noch bei „das ist ein Kinderspiel, das Menschsein!“

„Das war ein Parforce-Ritt! Wow! Ultrametareflektiert. Was für eine Kraft, was für eine Energie im Text und im Vortrag!“ – „Der mit dem Werwolf tanzt, was, Antonia?“ – „Und dass sich alles abstrakte in den Büschen versteckt… aus den Augen, aus dem Sinn… genial.“

„Die ‚Ränder der Welt‘. Und des Verständnisses. Und des Textes. Und des Geistes. Und der Soziokulturinteraktion! Der ganze Text und Vortrag war wie eine breakdancende Matrjoschkapuppe geschachtelt und ist vor unseren Augen und Ohren explodiert. Ich bin noch ganz geflasht.“ - „Also, mir geht es nach dem Text jetzt schlechter. Mit dem Wissen um die Weltsorgen kann man nicht mehr fröhlich unbefangen auf Kinder schauen.“ – „Oder Fische.“ – „Oder Boote.“ – „Oder … Apfelkrapfen.“ – „Ein Text mit Sollbrechstelle. Aber nicht den Boten köpfen du sollst. Außerdem wusstest Du das doch vorher schon, wie schlecht wir die Welt unseren Kindern hinterlassen?“

„Die ganzen Verfremdungen und Ebenen … mit dem Papiersack und so…“ – „Da stand auch die Entfremdungsszene von Twin Peaks Pate.“ – „Oder die vom Paten?“ (oder vom unsympathen Antipoden? Mein Silbeninterpretationszentrum in der OI geht hui!nüber… Anm. d. Prot.)(Das Arbeitszeitgesetz gilt auch für die Kunst. Pause! Anm. d. Red.)(Denn die Frage ist: Wem hat Wessen oder Hesses Werwolf denn jetzt geschadet oder wen gebissen? Wen wenn wennn. Die Römer und ihr scheiß Lokusativ, wie ich im Lateinunterricht immer provokativ gesagt habe… Anm. d. Prot.)(Du hattest nur Asterix. Kann mal jemand in der Suchmaschine oder KI ‚Symptome und Behandlung Hitzschlag oder Schmitzerschöpfung‘ eingeben? Danke. Anm. d. Red.)(Mama, kannst Du mich anrufen? Oder können wir irgendwas spielen? Cluedo oder Imposter oder Pantomimikri oder Psychotherapie? Anm. d. Prot.)

„Definitiv ein Bachmanntext! Genau diese Szene! Genau in dieser Performance!“ – „Du bist wie der fatalistisch-humanistische Günter Eichberger...“ – „Ja, das ist eine Nudel, ein Teig“ (für Nicht-Österreicher: "Jacke wie Hose" Anm. d. Red. Und das heißt übrigens „Redaktion“ und nicht „Red Bull“. Ach, das kommt ja erst weiter unten. Verdammt, jetzt hat Schmitzers Werwolf auch mein Hirn erwischt, dabei waren das doch Zombies, die das essen… Wenn also die Fische die Hirne der Fliehenden und wir die Fische sind wir die Zombies…)

(Ah, wenn die Red / Frau Perchta / Holle / Controlletti ach das kommt ja auch erst weiter unten egal gerade außer Gefecht ist, kann ich hier ja schnell noch weitere Fragmente platzieren: „Die Bachmann-Preisträgerin Natascha Gangl und ihre Klangcomics...“ – „ja, für Deine Grazer Ohren klingt es anders“ – oder ticken da die Uhren anders? Anm. d. Prot.)

"Ich muss sagen, ich hatte beim Zuhören die schreckliche Freude, die Du beim Vorlesen hattest." - "Das kannst Du nicht wissen, aber danke!“ – „Da der Vortrag sehr dynamitisch und extra versiert extrovertiert serviert war, wird er für diese Erkenntnis nur ein Mindestmaß an Empathie – das er stets übererfüllt! – benötigt haben.“

„Bitte nichts erklären! Aber unser üblicher Variationsvorschlag: statt dessen mit Kinderstimmen – echt oder von Dir nachgemacht – vortragen, wie eine Art Hörspiel?“ – „Verstehe. Hm. Das wäre dann deutlich schwerer umzusetzen, aber das würde die fünf Ebenen aufdröseln, inklusive Spiel, Autorenstimme, was die Kinder tatsächlich machen und wo ich mich verzettele. Wie eine Collage.“ – „Dein Text erinnert mich an Arno Schmitt, aber plus Selbstironie, als Stimme/Ebene selbst mit drin. Humorvoller Ekel ist auch eine Ebene.“ – „Das wird ein großes Buch in einem großen Verlag! Und die Passage ist Bachmann-Preis-würdig!“ – „Könnt ihr bitte mal mit Bachmann aufhören?“ – „Okay, okay...“ (zwei Sätze später) „Dass der Rest noch nicht fertig ist, macht nichts. Wichtiger ist erst die Show beim Bachmannpreis, um den Verbrauch anzukurbeln.“ – „Du meinst Umsatz. Aber ‚Kunstverbrauch‘ ist auch nicht schlecht.“

„In dem im Roman beschriebenen Ort kommt auch ein Tor zur Unterwelt vor. Und die Perchta - für mitteldeutsche Ohren: Frau Holle, also die Arbeitsqualitäts-Überwacherin –schimpft den Bürgermeister.“ – „Ein perfekter Antiheimatroman!“ – „Es kommen zwei Josefs vor, und eine Quote von zwei gescheiterten Patriarchen auf einen erfolgreichen...“ – „… was immer das auch heißt…“ – „… sowie ein Red Bull Sportler. Der kentert und lernt einen Flüchtling kennen.“ – „Ist der beschriebene Ort Frohnleiten?“ – „Nein, das wäre zu idyllisch mit seinem beheizten Marktplatz, aber die Dunstkreis-Entfernung zu Graz passt in etwa…“ – „… die haben den beheizbaren Marktplatz ja durch die Mülldeponie.“ – „Wie, Fernwärme durch Müllverbrennung?“ – „Nein, dadurch finanziert. Die Fernwärme entsteht meines Wissens durch Kadaververbrennung.“ – „Na, lecker. Das erinnert mich an den süßlichen Geruch der Tierkadaververwertungsanstalt bei Gunzenhausen …“ – „Ja, einfach Brötchengeruch drüber …“ – „So ein Kaiserschmarrn.“


--- Sieben: Wir Faden fädeln to grey/gray/gräy/gäy 

„Echt, oder? Diese Alpen-McGuyvers… kein Weitblick, aber superkreative Problemlösungen!“ – „Als ob wir hier Weitblick hätten … politisch und sozial …“ – „Spieglein an der Wand: Sind da überall Bilder dahinter versteckt wie hier ersichtlich, wo der Spiegel fehlt? Wir sollten nachschauen!“ – „Im Vertrag steht aber: ‚hinterlasse wie vorgefunden‘ …“ – „Den kriegt jeder von uns fürs Globalgalaktische schon im Krankenhaus ausgehängt, aber wer liest als legasthenisches analphabetierisches Baby das Kleingedruckte…“

„Nein, ich war bei gestrigen Treffen des pegnesischen Blumenordens nicht dabei, ich bin da nicht Mitglied, auch wenn ich vielleicht wie ein prototypisches Blumenkind aussehe…“

„Und sonst so, wie ist Dein Leben außerhalb dieser nonanonymen Selbsthilfegruppe, außerhalb der Literatur? Gebrauchstexte verfassen? Okay, das ist mit am dichtesten dran.“

„Die Varianten der Kreuzschifffahrt: Gay Cruise: sexuelle Orientierung. Grey Cruise: Rentner-Kahn. Metal Cruise: Metal Fans. Lustig, wenn es bei denen ein Holzboot wäre. Und zwischen allen Schnittmengen.“ – „Genau, und Tom Cruise.“ – „Hauptsache, nicht Kreuzfahrer.“ – „Apropos Kirche: Ihr habt hier in Nürnberg die schönste protestantische Kirche, inklusive Reliquie … obwohl die Führerin das bestritten hat.“ – „Tja, wir waren die ersten, die progressiven Protestanten, ganz vorne mit dabei, da macht man beim Bildersturm schon mal Fehler, sozusagen Bildfehler.“ - „Und wie die Humanistin und Äbtin Caritas Pirckheimer damals: ‚Nix da, das Kloster wird nicht aufgelöst. Meine Nonnen bleiben!'“

"Wie heißt noch mal der Autor, der schon seit Ewigkeiten an der Weltrevolution schreibt? Und immer sooo dicke Ziegel…." – „Der Ort hier, wo wir heute waren, das ‚Komm‘, ist ein altehrwürdiger linker Ort… 1981 und 1987 Akte von Polizeigewalt, ein klares Qualitätsmerkmal, aber mittlerweile ist es auch nur noch das PS der Weltrevolution.“

„Und er ist Redakteur bei ‚Perspektive‘. Ich kann dir ein paar leihen.“ – „Nein, er soll abonnieren!“ – „Keine Sorge, wir leihen es doch nur, um ihn anzufixen.“

„Gestern beim Blumenorden war ausführlichst das Thema, mit wem man ins Bett gehen muss, um im Literaturbetrieb erfolgreich zu werden. Das haben unsere jugendlichen Schriftstellerinnen begierig aufgesogen.“ – „Die ganze feministische Erziehung in wenigen Sätzen beim Teufel.“ – „Ich habe jetzt übrigens eine Agentin, aber ich habe es noch niemandem erzählt.“ – „Cool, sozusagen eine Geheim-Agentin! Glückwunsch.“

Der Protocollagist hat seine ToDos abgearbeitet (Perspektive-Abo bei perspektive at abgeschlossen und „Ausfahrt Niemandsmeer“ von Bettina (das ist noch nicht das im heutigen Treffen besprochene Werk, aber das aktuelle, frisch erschienene) bei kulturmaschinen com bestellt.) Werbeblock: bitte nachmachen! : -)

Liebe Grüße Jogi



PS: Ich kann zwar nur für die BRD sprechen, aber im Übrigen bin ich weiterhin der Meinung, dass Frau Reiche, Herr Spahn und Herr Merz, aber vor allem erstere, täglich zum Rücktritt aufgefordert werden sollten.


Samstag, 13. Juni 2026

Passanterweise

Oder: En passant am Passamt a.k.a. Kulturladen 
Oder: ich mag und verarbeite Deine Gedichte zwar nicht alle restlos, aber bleiben wir trotzdem Friede Freunde Eierkuchen

Anreise zur Vernissage: „Hat die Frau da wirklich ein ‚Fresse, Alter!‘-Tattoo am Hals?“ – „Psst, nicht so laut!“ – „Schau mal, da hinten auf dem Auto, das Logo Deiner Ex!“ – „Was? Ach so, Ex-Firma. Im Stadtteil dahinter hat übrigens wirklich meine erste Freundin gewohnt.“

„Lauter unlautere Laut-Sprecher unterwegs… erst die Demo und dann rechts im Röthenbacher Landgraben … scheinbar ein Kindergeburtstag, mit Megaphon-Eltern… Leisesprecher sind aktuell wohl leider nicht angesagt.“ (später wurde der Autor dann gebeten, lauter zu sprechen. Anm. d. Prot.)

Die Aufreihung der Gläser an der Bar im zweiten Ausstellungsraum: „einer geht aufs Haus.“ – „Na dann: Aufs Haus!“ – „Alter, war das jetzt peinlich, dass Du das Trinkgeld erst nicht in die Sammeldose gebracht hast… da war ein Schlitz und ein Loch… selbst im Kindergarten sind da mehr Formen! Vielleicht wie beim Führerschein-Theorie oder Erster Hilfe: gelegentliche Auffrischungen überlegenswert?“ – „Lou mer mei Rouh.“

Verlegenes Innehalten: Schüttelt man – nach Knigge – einem an der Hand Bandagierten selbige oder nicht?

„Wie herum arbeitet ihr?“ – „Erst meine Texte, dann ihre Bilder dazu, wie schon in Frankfurt.“ – „Die Buchhandlung in Eibach macht viele Lesungen, da wollen wir im Kulturladen normalerweise nicht so viel Konkurrenz machen…“

Das Konzept „Fangen wir c.t. an.“ erwies sich als wohlüberlegt, denn schlagartig füllten sich kurz vor dem verlegten Start (das waren dann wohl alles Akademiker:innen? Anm. d. Red.) die Reihen.

Die Leiterin des Kulturladens begrüßte die Gäste, gab für Auswärtige einen kurzen Abriss dieser soziokulturellen Besonderheit Nürnbergs - „Elf Kulturläden, wie die elf Freunde … gegründet von Hermann Glaser … ‚Kultur ist Bürgerrecht, Kultur von allen für alle‘“ – und gab ein kleines Soziogramm der Künstler:innengruppe: „Der Mann der Künstlerin ist das Bindeglied, der ist auch ein alter Freund des Autors. Und auch die Deutschlehrerinnen-Phase ist ein Bindeglied zwischen Text und Bild. Sie verwendet gerne Zeitungen als Zufallselemente, mit einer Schere als dynamisches Element. Und der Autor Gerd ist auch Journalist und Dozent.“

Gabi dankte dem Kulturladen für die gute Zusammenarbeit und erzählte ebenfalls aus dem Nähkästchen: „Gerd schickt immer wieder mal Gedichte rüber, die gefallen mir manchmal, nicht immer, und dann lege ich bei Gefallen los“. – „Wie, nicht alle?“ Oje, erste kreative Differenzen in der Band? Smiley.

„Von manchen Gedichten machte ich auch mehrere Varianten. Und ich dachte mir, ich nehme mal lieber zu viele Bilder mit. Ich hoffe, Sie machen das dann auch so, der Preiskatalog hängt ganz rechts.“ (oh, der ist ja auch gerahmt. Kostet der dann das gleiche? Definitiv ein Kulturladen, wo man Kultur kaufen kann. Anm. d. Prot.) (Redschreib kein Blech, Digga, geh Buch kaufen, Du Opfer. Anm. d. Red.)(das war ein scherzhaftes Querreferenzieren auf den Schluss des Textes, siehe unten. Ergänzende Anm. d. Red.)

„Ich bin übrigens auch ein großer Fan der Kulturläden. Ich fange jetzt an mit dem Anfang. Oh, danke fürs Vorführen: Der Hinweis auf das Stummschalten der Handys fehlte…“

Und schon ging es in die Geschichte um die zweifelhafte Ehre, von einer Taube als Wohnort ausgewählt zu werden, und wie das verheiratete Umfeld damit umgeht. Anders als bei Patrick Süßkind stets mit einem klaren Fokus auf dem Humor („es war Notwehr, dass sie nach Dir gehackt hat.“ / um ihr den Fluchtweg offenzuhalten, froren wir) 

(An dieser Stelle sei das – an dieser Stelle aufgetretene und vom Autor durchaus bemerkte - Gähnen des Neben- bzw. Haupt-Mannes des Protocollagisten kurz aufgeklärt: Er hört zum Einschlafen Hörbücher. Auch wenn wir tagsüber im Urlaub eines hören oder überhaupt jemand eine Zeitlang spricht, muss ich ihn wachrütteln. Das ist also eher ein Kompliment! Anm. d. Prot.)

„Klasse fand ich dann die Diskussion, ob der Protagonist wohl lieber ein Haustier hätte... und dass er für sich beschließt, mit dem Tier ein ernstes Wörtchen über Stubenreinheit zu reden … und natürlich den netten Versprecher ‚ein Pflaster im Kühlschrank‘.“ – „Ja, oder das ‚hab Dich nicht so, Tauben sind doch friedlich, siehe Friedenstauben!‘“

„Die Ehefrau kommt in dieser Szene nicht so gut weg… daher sollte ich als Autor vielleicht ein paar Anmerkungen zum weiteren Fortgang machen: Da sind dann mehrere Personen und deren Geschichten verwoben. Offen aber hoffentlich trotzdem ganzheitlich. Und eigentlich geht es in allen Geschichten um die Liebe, es folgt jetzt der Teil, wo ein Mann seine Jugendliebe wiedertrifft.“ 

Die Beschreibung, wie der neue Protagonist beim Spazieren Profil und „Tanz der Lippen“ seiner erneut Angebeteten betrachtet, wird gleich durch die nächste Erklärung unterbrochen: „Die gerade im Gespräch erwähnte Dame in der Pizzeria ist die Nebenbuhlerin der Taube, also die Ehefrau des ersten erzählenden Ichs, denn die redete dort scheinbar mit einem imaginären Gesprächspartner.“ (jetzt bin ich WIRKLICH gespannt, wie es weitergeht! Gut, dass ich das Buch zum Fertiglesen habe. Anm. d. Prot.)

Und dann das Verweben: „Komischer Typ dort … und ist sein Sweatshirt voller Taubenexkremente? Und hat er da ein Vogelnest auf dem Kopf?“ Zufriedenes Gelächter im Publikum, dass dort mittlerweile Nachwuchs piept. „Ich kam nicht umhin, zu bemerken, dass Sie über mich sprechen und die kleinen Täubchen auf meinem Kopf bemerkt haben. Ich weiß, ‚bei Ihnen piepts wohl‘ und so weiter, aber ist das nicht großartig? Entschuldigen Sie mein Nuscheln, aber ich darf den Kopf nicht zu sehr bewegen. Und ich bin übrigens Verhaltensforscher.“ 

Das „Aha-Duett“ der Jugend- und Erneutliebenden, die nach dem Weitergehen ihre Gespräche quasi beflügelt fortsetzen und natürlich viel Gesprächsstoff haben. „Ökologisch ist sein Verhalten jedenfalls vorbildlich. Lach nicht!“ - „Ob sie ihn dann als Trauzeugen zur Hochzeit einladen, weil er unbehagliche Gesprächspausen bei ihrem Wiedertreffen verhindert hat?“ – „Aber ihn auffordern, sich vorher doch bitte umzuziehen!“ – „Psst!“

„Ich mache jetzt eine kurze symbolische Pause, ehe ich zur Lyrik wechsle… fertig. Die Gedichte sind teilweise hier auch ausgehängt. Ich fange mit dem titelgebenden ‚Passanten‘ an.“

Bei den Gedichten dann viele Stellen, die einen nachdenklich innehalten lassen… der „Schatten, der anhält und dir nachblickt“ … oder die „Sitzbank zur Betrachtung der Lage“ … da gehören definitiv mehr aufgestellt! (Am besten mit Beschattung wegen steigendem UV… Anm. d. Prot.)

„Die nächsten drei Gedichte – Hesperide, Theodor-Heuss-Brücke und Rosenau – beschreiben Nürnberger Orte, das nur als Anmerkung für die Zuhörenden, die von weiter weg … also, natürlich auch als Anmerkung für die aus Nürnberg… Übrigens, nicht verwechseln: das Afrikafestival unter der Brücke ist im Juni, und das Brückenfestival im August.“ 

Auch hier wieder überraschende Wendungen, wie Gesetze und das Leben, die tanzen oder Wünsche haben. Oder der unerwartet weit gespannte Bogen, was alles „vor der Haustür“ liegt, von ausbrechenden Vulkanen über frisch gegrabene Flussbetten bis hin zu schwarzen Löchern.

Letzteres deutet schon das Themenfeld der darauffolgenden „kosmischen Trilogie“ an: „Wow… das ‚manche der gelegentlich ein Teil von uns seienden Teilchen verlernen auch wieder, Teil unseres Ichs zu sein‘erinnert mich an Terry Pratchett, der hat das auch schon sehr schön mit dem Kommentar des Kanzlers ‚boah, ist das nicht unhygienisch?‘ verarbeitet!“ – „Cool war auch der Wechsel von den Weiten des Alls und den Jahrmilliarden zum Folgesatz ‚und sonst so?‘“

Und wenn bisher nicht mal eine galaktische Minute Menschheit im technischen Stadium, dann kann es auf dem AB von SETI wirklich irgendwann mal heißen: „Sie haben eine neue Nachricht“ … die dann nicht mehr abgehört wird.

„Und hier wieder ein Bogen zurück zum Roman: Das nächste Gedicht hat mit Vögeln zu tun.“ – „Und mit Liebe?“

Der Autor unterbricht – trotz der gerade so schönen Stelle, dass sie die kostbare Zeit vor der Nacht lieben – erneut den Gedichtvortrag: „Das ist wie beim Philosophen Thomas Nagel, der gefragt hat, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Bei mir ist es kein Aufsatz, sondern ein Gedicht, und es geht halt um Vögel, nicht um Fledermäuse. Aber die Gedankengänge sind ähnlich.“

Nach dem philosophischen – „er ermöglicht und überdauert das Leben“ – Regen(sound)porträt – „Ich sehe die anwesenden Teilnehmenden dieser Reise teilnahmsvoll nicken“ – gab es zum Abschluss noch ein Meta-Gedicht über den lyriterarischen Prozess: „morgens ist der poetische Blick für die Alchemie des Seins noch offen, das „Hirn noch traum(haft heraus)geputzt … und ist es wirklich okay, den bunten Cocktail des Lebens in bleischwarze Buchstaben zu gießen?“

„Das wars, vielen Dank, jetzt zum gemütlichen Teil.“ – „‘Sonst werde ich ungemütlich?‘ Die Stühle waren doch ganz okay…“

„Du hättest mit etwas langsameren Tempo die Lesung noch strecken können … oder wie bei Wortwerk die Gedichte doppelt vorlesen können, damit die Zuhörerschaft das besser aufnehmen kann.“ – „Hm… die Lyrikpassage einfach zweimal hintereinander? Oder jedes Gedicht doppelt vorlesen? Oder jede Zeile? Das wirkt … das wirkt … irgendwie komisch … irgendwie komisch … wie ein Echo, das das Diminuendo vergessen hat …“ – „Oder man hätte die Gedichte bzw. die Collagen auch projizieren können?“

„Das … na, Dings… Autoren und Wörter…“ – „Passt schon, ein Buch fällt ja auch in die Kategorie Ding.“ – „In Anlehnung an die britischen ‚Knock knock‘-Scherze könnte man auf jedes ‚Ding‘, das jemand einem unabsichtlich ins Gesicht sagt, mit einem – dessen Anspannung dann lockernden – ‚Dong‘ antworten…“

„Schreibst Du gerade eine Widmung oder das nächste Gedicht?“ – „He, gute Idee, das zu kombinieren!“

Diskussion von Geldautomatendesign: „Ich traue mich immer nicht, bei Fremden ins Gespräch einzusteigen, aber ich hätte fragen können ‚ach, sind Sie vom Fach?‘“ – „Stimmt, und was machst Du, wenn herauskommt, dass die die beruflich sprengen… denn manche von denen besuchen sicher auch Vernissagen … das gibt dann mindestens betretenes Schweigen, wenn nicht schlimmer…“ – „Das ‚vom Fach‘ ist eh eine komische Formulierung, findest Du nicht? Das kennt die Jugend sicher nicht mehr… das erinnert mich an die aktualisierte Version von Rapunzel mit dem ‚wirf Haar runter‘ und ‚das sind Extensions, Digga; geh Treppe, Du Opfer‘“ – „Ja, ihr liebt beide das Skurrile, kann das sein?“

Hinterm Horizont soll es gewissen Barden zufolge weitergehen … oder eben vor der Haustür, sicher für ein paar Googol Jahre … und sonst so? Na, Energiewende, Klimaschutz, Demokratieerhalt und so! Damit der menschliche AB weiter abgehört wird!



Freitag, 5. Juni 2026

Zuckerbrot, Alpentatort und Passanten

 Auch im Juni ein paar Wortwerkelnde sehr aktiv:

Am 13.6. um 15 Uhr hält im Zuge der PEN-Jahrestagung Leo F. Seidl einen Workshop zum Verfassen engagierter Literatur im Bildungscampus Nürnberg, und um 19 Uhr Vernissage der Ausstellung "Passanten" mit Collagen von Gabi Fitzner und Gedichten von Gerd Fürstenberger im Kulturladen Röthenbach.

Am 20.6. lesen Leo F. Seidl und Paul Stefan Wolff bei "StadtLesen" in Fürth.