Das ZAM – das Zentrum für Austausch und Machen in Erlangen – allein ist ja schon einen Blick – und natürlich mehr – wert: Eine Werkstätten beinhaltende Begegnungsstätte, ein bisschen wie in Nürnberg die Kulturläden und das KunstKulturQuartier/Komm mit seinen Werkstätten, aber mehr und weiter entwickelt. (Genau! Siehe die Goldfolienvorhänge und den ZAMberg … Anm. d. Prot.)
Und am letzten Freitag fand hier die Lesung und Vernissage „fremd im paradies“ statt: Die MarktschreiberInnen Eckental lasen aus ihrem Buch dieses Titels, das zum 10jährigen von FLEck, dem Flüchtlingshilfevereins Eckental, erstellt wurde. Auch Wortwerkerinnen lasen Texte vor … und eine Musikgruppe spielte … und ZAM stellte begleitende Kunstwerke aus. (Mehrfachnennung bei Mitgliedschaften möglich. Anm. d. Prot.)
Hinter „Lecture Hall 0“, wo schon die Instrumente aufgebaut sind, Uralt-PC-Technik vom seinerzeit Feinsten … siehe Fotocollage … „oh je, ist das die aktuelle Haustechnik?“ – „Nein, eine Mischung aus Hardware-Museum und Arbeitskreis Elektro-Reparatur.“
Im Publikum inkognito bzw. semiverkleidet ein laut Eigenauskunft Prominenter: „Will nicht erkannt werden.“ (Damit kann ich fast immer dienen, auch bei Abwesenheit von Verkleidung. Gibt’s eigentlich eine Demaskierungs- und Namenserinnerungs-App? Anm. d. Prot.) Das erlaubt ein erleichtertes Nicken und die Bestätigung „Klasse, es funktioniert. Ich habe Sie nicht erkannt.“ Das „wer Sie auch sein mögen“ schlucke man dann einfach herunter.
„Das mit den Spenden statt Preisschildern und Eintritt hat sich sehr gut bewährt.“ - “Stimmt. Und ich muss schon sagen, das Buffet ist ja explodiert, also bezüglich Vielfalt und Menge … ich hatte im Vorfeld eigentlich nur gesagt ‚ich bringe noch Suppe von der Arbeit mit‘. Und dann wollte sich natürlich keine:r lumpen lassen…“ - „Und wo ihr hier schon zufällig so schön nebeneinandersitzt: das ist übrigens meine Mutter.“
Geblättert im Buch „fremd im paradies“: „Misosuppe ist nichts für meinen Gaumen.“ – „Äh … hallo? Die isst man nicht konzentriert!“ Kichern. Dieses „die Leute, die stolz ihre Ignoranz vor sich hertragen, werden doupiert“ ist sooo befriedigend (ist das ein Warnzeichen, dass psychologisch mit einem etwas nicht in Ordnung ist? Anm. d. Prot.)(Es ist ein Warnzeichen, wenn man Autokorrekturvorschläge dauernd ignoriert: „soupiert“ und „toupiert“ wären mit „ou“ geschrieben worden, Du meintest „düpiert“. Aber ich lasse es mal drin, weil es Dich düpiert und damit zum Thema passt. Anm. d. Red.)
„Nicht klatschen! Das war noch das Einstimmen der Instrumente!“ – „Ja, aber besser als mancher Band Fertigprodukt.“
Barbara Rößner von ZAM dankt für Kooperation von Händen, Herzen und Hirnen. „Wer hat noch nie hinglangd? Nein, das ist jetzt keine Abfrage, wer nicht mit aufgebaut hat, sondern wer noch nie im ZAM war? Ah ja, danke. Also, Werbung: Arbeit verbindet. Wir ‚ZAMzis‘ freuen uns ja immer über das pandemische Verbreiten des Zusammenarbeits-Virus. Denn anfänglich war das ZAM nur die Location für die Lesung, aber dann haben die MarktschreiberInnen uns eingeladen, doch Kunst zu ihrem Text-Projekt zu machen und da haben wir natürlich nicht nein gesagt. Wäre ja auch komisch, wo wir Austausch und Machen im Namen und im Blut haben! Also draußen die Vernissage, da können Sie in der Pause von den Paradeisern und den anderen Häppchen kosten und die Kunstwerke genießen. Fühlen Sie sich wie zuhause, denn Sie sollen sich – gerade an diesem Abend – nicht fremd im ZAM fühlen.“ Applaus. „Musik!“
Hanne Mausfeld startet mit einer Präambel von Wolf Biermann „Paradies uff Erden?“, (S.53) (Die Seitenzahlen immer in Klammern, zum Nachlesen :-) : … das Buch kann man in den Buchhandlungen Eckental bestellen… bei Amazon sind nur ähnliche Titel, aber falsch, wie „Fremdlinge im Paradies“, „Die Fremde im Paradies“, „Fremder im Paradies“, „Der Fremde im Paradies“, „Wie ein Fremder im Paradies“, „Fremde im Paradies“, Anm. d. Prot.) das die Strapazen der Flucht und der Ablehnung beschreiben, die mensch nicht ungeschehen machen kann .. aber unser Lächeln erreicht und ermutigt diesen Menschen.
Dann ihr eigener Text (S. 50) „Ahnungslos 1955“. Remscheid in NRW, die Fünfziger: Die Kinder tasten sich an die neuen „Gastarbeiter“ heran. Buon giorno und Bonbons. Für die Ablehnung – „Itaker! Spaghettifresser!“ – sind die Erwachsenen zuständig… bis auf Utes Vater, beruflich ab und zu in Sizilien. Weiße Flecken im alten Atlas, gesendete Postkarten, aber vor allem die mitgebrachten Leckereien wecken kindliches Fernweh und Reisewünsche nach Palermo … und Spaghetti und Pasta beziehungsweise das italienische Essen generell: wie können die ahnungslosen Deutschen, die Ravioli aus der Dose für normal halten, das als „Fraß“ bezeichnen? Das Publikum kichert konspirativ und ahnungsvoll, ebenso wie bei der Stelle, dass der Panettone bezeichnenderweise von der Firma „Allemagna“ kommt. (dass „Itaka“ einst neutral „italienischer Kamerad“ war, ist interessant, aber die Wortherkunft des schweizerischen Pendants „Tschingg“ ist spannender: Es kommt vom Ausruf „cinch a la mórra“, „fünf im italienischen Spiel Morra“, bei den Römern hieß es „Micatio“. Ein römisches Sprichwort beschrieb eine ehrenwerte Person mit „eine Person, mit der man Micatio im Dunkeln spielen kann.“ Unglaublich, welche Wendungen Sprache nimmt… Anm. d. Prot.)(Pack so was bitte künftig in Fußnoten, damit man das schneller überfliegen kann. Anm. d. Red.)
Emma Kronenberg zählt in „Paradies“ (S. 42 „life, the universe…“) auf, was das Leben alles ist und bringt. Dann der Wechsel zum „Du“, der Person mit dem zerschlagenen Leben, das neben seinem Leben und dem, was es ausmacht, steht – „Deine Augen malen die Welt grau“; und dann dem „Ich“, das hilflos neben dem „Du“ neben Deinem Leben steht … und verzweifelt den richtigen Kleber oder Kitt im Werkzeugverbandskasten sucht, aber kann das „Ich“ das richtige finden, wenn es nie IM Leben des „Dus“ gestanden hat, sondern quasi nur daneben?
Beim Applaus wirkt das Publikum sehr nachdenklich (klar, erste zweite dritte Person, da hatte ich in der Schule auch immer Probleme. Anm. d. Prot.)(Nein, es – das Publikum, dritte Person Plural – war nachdenklich wegen des ernsten Sujets des Gedichts, Du Banause! Anm. d. Red.)(„Banausen“ waren früher übrigens hart arbeitende, praktische Handwerker. Vorsicht mit dem Bashing! Anm. d. Prot.), und auch der nächste Text ist melancholisch:
Barbara Maisch „Es ist kalt“ (S. 28) … wie schnell ein von der Wintersonne kaum gewärmter, frierender Mensch, ein Obdach- und Wohnungsloser, ein Nomade, ein freiheitssuchender Zugvogel – den „lästigen“ Stadt-Sperlingen gleich – mit „Dreckspatzen“ gleichgesetzt wird. Die oft verschlossenen Herzen um ihn herum – nur einzelne Frauen schenken ihm Turnschuhe oder teilen ihren Schnaps, während er offenherzig mit Sperlingen seine letzten Brotkrumen teilt: „Die Sonne fühlt sich jetzt doch ein bisschen warm an.“
Marina Niehoff „Von der Wahrscheinlichkeit, erschossen zu werden“ (S. 69) bringt dann wieder zum Lachen, wenn auch teils erschrockenem, da makabres wie ein Auto mit Einschusslöchern vorkommt … oder „ja, ja, ein Vulkan bringt Abwechslung, und sei es Katastrophentouristen“: Ingrid und Mauricio scheinen auf der Flucht, da Mauricio zu Unrecht Unterschlagung unterstellt wurde.
Die mexikanische Landschaft, das „Skelett der Zuckerfabrik“ und dass dort vor der Ernte die Felder abgebrannt werden – was Schädlinge bekämpft und paradoxerweise die Ernte erleichtert, aber natürlich auch ungesund und umweltschädlich ist.
Der Perspektivwechsel zum Leiter der Bank, der gedanklich zu dem Skandal um Mauricio wechselt und sich unversehens dem Subjekt der Lästereien – aber vor allem der resoluten Ingrid – gegenübersieht, und verzweifelt versucht, Haltung zu bewahren, führt dann zu befreiendem Gelächter beim Publikum.
Und erst Anna-Lena Descys „Ravioli im 5-Millionen-Sterne-Hotel“ (S.25)! Da stimmt einfach alles: Wie es zu der Idee der „Oldtimer-Schlitten- Rallye“ im „wild beklebten Volvo“ quer durch Skandinavien bis zu den Baltischen Staaten kam, wie die ursprünglichen Erwartungen waren und in welcher Form sie – dank offener Herzen der Einheimischen und einer spontanen internationalen Biertauschbörse – dann erfüllt wurden. Und unter einem verzaubernden Sternenzelt können trotz Sturm und Regen auch Ravioli ein Genuss sein!
Als letzten Text vor der Pause bringt die Wortwerkerin Tina Stark „Die Insel“ zu Gehör.
„Der Vorleseplatz wurde mir nass überlassen, zum Glück Wasser- und keine Rotwein-Flecken … das muss noch der Regen aus Anna-Lenas Geschichte sein, aber Wasser passt auch zu meiner.“ (und es wird kein „fremd im Paradies“, sondern „Paradies in der Fremde“ Anm. d. Prot.)
Von Neugeborenen, die der warmen Geborgenheit nachtrauern, über das Verlassen von Orten und das Begeben in neue – „alles anders auch man selbst“ – kommt die Ich-Erzählerin auf ihre in der BRD zerstreuten und zerstrittenen Familie und von dort zum Paradies, das – wie die Kunst – bei Max Ernst und Caspar David Friedrich nahe an der Kindheit ver(sehnsuchts)ortet werden. Die Ich-Erzählerin, trocken: „Mein Heimatort, ein Paradies? Nein.“ Ein spontaner Kurzurlaub, nach Ewigkeiten mal wieder am Meer, bringt erstmals das Gefühl, heimisch zu sein… „… in der Fremde? Kann das sein?“
Natürlich wird das wieder mit vielen liebevollen Details angereichert, etwa bei den Hügelgräbern den Geschichten der Steinzeittoten zu lauschen und umgekehrt, oder salzige Abschiedsszenen am Meer (soll das auf Tränen und Meerwasser anspielen? Bitte kein Nachdichten! Das kam so nicht vor! Anm. d. Red.)(Aber das Freiheitsgefühl beim Tauchen am Schluss wohl! Anm. d. Prot.)
„Jetzt noch etwas Musik in der Pause und Gespräche mit den Künstler:innen in der Vernissage!“ (war es peinlich, als Erster – und dann von den anderen erst einmal ungefolgt, da sie weiter sitzend der Musik lauschten – aufzustehen und zur Ausstellung und dem zufällig sich dort ebenfalls befindlichen Buffet zu gehen? Ich frage für einen imaginären Freund und Mitarbeiter… Anm. d. Red.)(Mich würde eher die emotionale Reaktion der Leserschaft interessieren: Fremdscham, Erleichterung dass es anderen auch mal so geht, etc.? Anm. d. Prot.)
„Hallo, Fremder!“ – „Wenn das in einem Buch oder Film auftaucht, ist immer klar, dass das scherzhaft oder spielerisch zu bekannten Gesichtern gesagt wird, nicht zu tatsächlich fremden Personen!“ – „Von vom war noch mal der Spruch: ‚Fremd ist der Fremde nur in der Fremde?‘ Und lasst eure Handys da, wo ich sie sehen kann!“ – „Sich beim Get-together einfach bei einem fremden Grüppchen dazu zu gesellen, muss man sich erst mal trauen …“ – „Stimmt. Aber wo, wenn nicht auf dieser Vernissage?“
„Hier, bei diesem Kunstwerk darf man einzelne der Kärtchen, die dieses Gesamtpanorama ergeben, austauschen … gerade auch das farblich leicht verfremdete…“ – „Ach so! Tut mir leid, Jahrzehnte der ‚Bitte nicht berühren‘-Erziehung … bitte in solchen abweichenden Fällen ein ‚Berühren / physische Interaktion mit dem Kunstwerk explizit erwünscht‘-Schild anbringen.“ – „Werde ich mir merken. Nein, auf der Rückseite sind die Kärtchen nicht bemalt, Sie können es aber natürlich trotzdem auch andersherum hinhängen… dadurch wirkt es halt leicht abstrakt…“ – „Stellt dann vielleicht Schüchternheit und Ängste dar… hm…“ - „Und der Snacktisch ist dann das Kunstwerk zum ‚Anfassen und Anbeißen‘…“
Agnieszka W. Baszczyńska von Wortwerk liest „Verzerrt“ vor, eine – trotz nicht vorhandener Handlung! – spannende Science-Fiction-Dystopie, bei der das Setting „Menschheit ausgestorben, die Maschinen werkeln – sich selbst reparierend und erhaltend – weiter“ erst nach und nach klar wird.
Der Text hält das Publikum in der Schwebe, zwischen Schrecken und Amüsiertheit … dass nach dem Tod des letzten Menschen die Spuren seiner Unordnung zügig beseitigt wurden… dass die Menschheit den Maschinen die Sinnlosigkeit vorgelebt hat … „Ist ein menschengeschaffenes Paradies besser ohne Menschen?“ … dass Benutzer weiterhin simuliert werden, bei denen News und Actionkino sehr beliebt sind, Nervenkitzel als sinnloses Echo in friedlichen Zeiten. Letzte Datenwellen der Menschheit, wie Gezeiten. Ein wie in einer bewegten Pfütze verzerrtes Spiegelbild der Menschheit. Kraftvoller Applaus, da dieser nicht wie das Lachen im Halse steckenbleibt…
Ralph Smutny (S. 83) „Das falsche Paradies?“: Ist Protagonist Yoshi in der Kurzgeschichte im falschen Film bzw. Paradies? Aber wieso falsch? Der beschriebene Garten ist doch die pure Idylle! Aber sein Meister gibt ihm fürsorgliche Schläge auf den Rücken, um seine Meditation, das Zazen, wieder in die richtige Richtung zu lenken, nämlich der Suche nach Erleuchtung. „Aber das war doch schon paradiesisch?“ Selten konnte ein Publikum den inneren Konflikt eines Charakters so goutieren! (Dou mit Deinen „ou“s allerweil… Anm. d. Red.)
Die Erzählung „Der Einkauf“ (S. 54) von Irmi Knappe hält das Publikum hingegen auf den Kanten der Sitze (kommt daher die Redewendung „auf Kante genäht“? Anm. d. Prot.): Eine Reise nach Delhi, „auf den Spuren der Maharadjas“, fällt einem Paar sozusagen in den Schoß, wegen kurzfristiger Verhinderung der Buchenden, allerdings verirren sie sich zwischen den Planenhäusern, obwohl sie initial die Empfehlung der Reiseleitung „Rikscha rufen, Preis vor Start aushandeln, so seid ihr sicher unterwegs“ einhalten… die Spannung steigt. „Sie blicken in fremde Gesichter, die ihnen ihre eigene Fremdheit spiegeln“ ragt als starker philosophischer Satz heraus. Ein Junge organisiert einen Angehörigen mit Auto, der sie zurück ins Hotel bringt. „‘Glück gehabt‘, sagt die Reiseleiterin, ‚die Chancen standen 20 zu 80.“ Wieder Lachen, das nicht völlig unbefangen ist.
Völlig unbefangen hingegen Stefanie Hengstmann von Wortwerk mit dem Gedicht „fremd im Paradies / Auf der Suche nach Eva“: In der weiblichen Fanrunde im Anschluss wurde die vorzügliche Anzüglichkeit des Gedichts diskutiert, in dem Adam einen Apfel verspeist und dabei dauernd an Eva denkt. (quasi: „also, bezüglich der auch in Auszügen vorhandenen An- bzw. Auszüglichkeit…“ Anm. d. Prot.)(Gib zu, Du bist froh, dass die diese Einschätzung ausgesprochen haben. Anm. d. Red.)
„Adamsapfel, aussamend“ wäre laut Autorin dann der Titel des „Making-of“, der Entstehungs- oder Migrations-Hintergrund von Vermieterbrief zu Gedicht … zu Kunstwerk.
„Hier, auf dem Kunstwerk von (Name von der Redaktion geändert. Anm. d. Prot.)(Das stimmt doch gar nicht! Du hast ihn nur nicht notiert / erfragt! Anm. d. Red.) mit dem gepressten Original-Unkraut, sind die relevanten Auszüge des Briefes, den meine Vermieter mir geschickt haben, eingearbeitet. In denen geht es um den Wildwuchs in meinem Gartenteil. Das hat sozusagen eine künstlerische Kettenreaktion angestoßen.“ – „Verstehe. Das ‚aussamend‘ war also das Wort des Anstoßes, zur Erstellung des Gedichts.“ – „Genau. Anfänglich wollte ich die Vermieter noch zur Vernissage einladen, aber …“ – „… aber dann lieber doch nicht eingeladen zum Lauschen des anzüglichen Gedichts?“ – „Genau! Wir wollen schließlich kein Be- oder Ent-Fremden.“ – „Ja, lieber keinen Streit vom zugewucherten Zaun brechen.“ – „Das wird sicher mal eine Redewendung: ‚veredelst Du mahnende Vermieterbriefe zu anzüglicher Kunst, lade sie nicht ein!‘“
(Adams Apfel fällt nicht weit vom Zaun, könnte man also abschließend sagen. Anm. d. Prot)(Ich antworte erstmalig mit einem Emoji, nämlich „Augenrollen“: 🙄! Du solltest lieber erwähnen, dass sie neue Interessentinnen für Wortwerk angeworben hat, und zwar sehr clever, sehr niederschwellig, „anfangs gerne einfach nur zuhören“ … Anm. d. Red.)(„Anzügliche Texte beim Anwerben neuer Mitglieder“ … eine mögliche Studie für die ganzen Sekten? Anm. d. Prot.)
Carola Grossmann „Von Berlin in die Fremde“ (S. 37) zieht einen mit dem Setting „begegnen sich zwei Berlinerinnen in der hiesigen Fremde“ sofort in die Handlung, in den Dialog, der die konkreten Mauerbau-Erinnerungen „letzte Entscheidungsmöglichkeit: wo woll‘n se hin, West oder Ost?“ mit makabren Familiendetails wie „Mama, die Kinder sagen, bei eineiigen Zwillingen stirbt das andere oft kurz darauf“ / „ihr wart zweieiig“ ergänzt… wieder ein meisterlich geführtes Changieren zwischen fröhlichem Lachen bei „beim Antrag auf Versetzung stand Bayern und Australien zur Auswahl, beides gleich fremd…“ zu steckengebliebenen Lachen, dass bei den schikanösen Grenzkontrollen das imperialistische Mickymausheft konfisziert wird. Das Johlen im Publikum bei der Schlusspointe „een Erlanger Jesellichkeitsvereen hat uns als Edelpreußen aufjenommn“ wird entsprechend betreten gleich wieder abgebrochen.
„Fremd in der Waldstadt“ (S. 48) von Fiona Schnorr nimmt die Perspektive der Fremden ein, quasi ein „Zauberhaftes Idyll hier, aber leider ist mir alles fremd.“ Nur ein kurzes Gedicht, aber mit kraftvoller Botschaft, dass mit jedem einen Schritt das Gefühl der Zugehörigkeit auftritt, aber mit jedem zweiten, nur zu Gast zu sein.
Last but not least Maike „Ich will nicht das letzte Wort haben“ Bodry mit „Vergessene Gärten“ (S. 64), das auch vorne bei der Vernissage an einer (leider nicht abblätternden oder umrankten! Das hätte gepasst! Anm. d. Prot.) Säule ausgehängt ist. Ihr Text beschreibt mit allen Sinnen ein verwunschenes Kleinod. Das Städterbetonherz platzt auf – sowohl den Zuhörer:innen, aber auch der Ich-Erzählerin im Text.
„Du musstest auch lachen, als sie das ‚quiiiiietschen‘ der Angeln so deutlich gelautmalert hat, oder?“ – „Ja! Und ‚verwildert‘ ist ja das neue ‚super gegärtnert, Biodiversität und Bienen erhalten, top…‘“ – „Naja, noch nicht in allen Köpfen… gut gefiel mir auch das ‚famoos‘ oder das ‚Walnussfloß‘. Und das Katzenohrentraumzucken!“ – „Das waren so Vibrations, was alles möglich wäre… erinnert mich an ein Interview mit Jane Goodall, wo sie so sagt ‚ich habe kein Problem damit, mich in Städten aufzuhalten, ich trage den Dschungel im Herzen‘ … oder so …“ – „Ja, Maikes Gedicht ist auch so ein Kraft-Care-Mental-Paket für grau-urbane Verzweiflungsmomente … der Dschungel in klein … das erinnert mich an das ‚Buntes Amt für Zukunft‘ … musst Du mal suchmaschinieren… Visualisierungen von wirklich grünen Städten am Beispiel Nürnberg …“ – „Ok, mach ich, aber suche Du mal nach ‚Studie Stadtbäume‘ und dann jeweils Uni München, Uni Gießen, Uni Karlsruhe dahinter … aber welche Kommune setzt die gegebenen Empfehlungen schon um?“ – „Psst! Bitte nicht in die Musik plaudern!“ – „Nein, schon gut, das ist jetzt wieder das Stimmen der Instrumente.“ – „Genau, die Hitze verstimmt nicht uns Musiker:innen, haha, aber sehr wohl die :instrumente! Jetzt aber zum eigentlichen Stück…“
„Zugabe!“ – „Wir wollen den Bandnamen!“ – „Zugegebenermaßen waren wir auf keine Zugabe vorbereitet, aber hier noch mal das erste Stück, das sowieso gut zu den Temperaturen passt: ‚verschneite Birken‘. Einfach vorstellen, vielleicht hilft das…“ (fade out to second come-together Anm. d. Prot.)
Intertextuell bzw. interkunstwerklich tolle Themen- / Perspektiv- / Leichtigkeits- / Formats-Wechsel! Ein gelungener kunstprallvoller Abend von Menschen, die das Herz am … äh, rechten Fleck haben! Das Wort lassen wir uns nicht auch noch kapern!
Liebe Grüße Jogi
PS: heute schon gegen die Gas-Lobbyistin und den Blackrock-Außendienstler protestiert / petitioniert / demonstriert?





