Freitag, 6. Februar 2009

Kettchen

Wenn ich ein Gesicht malen wollte, das Weinen ist: Dann würde ich seines nehmen. Ein rundes und doch feines Gesicht, gemischt aus zwei Welten: Afrika und Amerika, schwarz und rot, geflickt. Er hatte schon ein paar Ohrfeigen in dieses Gesicht bekommen, und dabei war der Tag so wunderbar gewesen: für mich!

War sie an diesem Tag nicht schöner als an anderen?

Vor einem Jahr war auch er mir an manchen Tagen ohne Maß schön gewesen. Da war dann alles Lachen und Haut, Duft der Haare und Augenblitze, für einen langen Moment war da ein Reichtum, den man nicht halten konnte vor Glück. Und den ich, wenn ich ehrlich bin, wohl auch nicht halten wollte. Nur kurz kosten! Ja, ja, das war es, mehr wollte ich nicht für uns.

„Hier willst du ein Haus kaufen?“

„Ja, direkt an der Steilklippe. Kannst du dir den Blick auf den Hafen vorstellen?“

Das konnte sie nicht, also musste ich mit ihr einige Häuser besichtigen, die zum Verkauf standen. Immerhin war sie meine Frau und hatte ein gewisses Recht zu wissen, wohin ich sie zum Leben zwingen wollte.

Und immer diese Müdigkeit, die mich im Glück überkommt. Wir waren an diesem Tag müde. Nicht nur aus Erschöpfung. Es ist ja heiß in den Tropen. Und wir waren schon den halben Tag unterwegs. Doch es war mehr Überdruss. Eine Müdigkeit aufgrund von Harmonie.

Es hat nicht mit dir angefangen! Wie du jetzt am Boden kauerst und heulst, bist du nicht mehr schön. Ich bin nicht schuld. Ich habe diese Stadt am Äquator schon zu lieben begonnen, als du noch keinen Schritt tun konntest. Und jetzt zwingst du mich, hinter dir her zu rennen. Hurensohn.

Dieb! Dieb! Dieb!

Sie schrie. Sie schrie meinen Namen.

Ich schrie: Dieb!

Sie hatte etwas entdeckt: Etwas teures, ein Goldkettchen mit hiesigen Edelsteinen. Sie hatte es entdeckt und Geschmack bewiesen, also kaufte ich es, auch wenn der Preis wehtat. Um ihre Begeisterung anzufachen, und sie strahlte. Alles war gut: Ich hatte Häuser in Gedanken erworben und sie trug ihr Kettchen. Wir schwiegen. Es war schwül. Die Straßen der Altstadt sind mit Kopfsteinen gepflastert und führen über mehrere Hügel. Wir mussten auf und ab, um zum nächsten Taxistand zu gelangen. Wie immer ging sie langsamer als ich. Da war dieser Überdruss. Bin ich deshalb einen Meter vor ihr gegangen?

Alles starrte, all die schwarzen Gesichter. Dann verschwammen die Einzelheiten, denn der Dieb steigerte das Tempo. Ich hatte nur Badeschlappen an und das Kopfsteinpflaster war krumm und schief und die Straße führte steil hinunter aus der Altstadt hinaus. Ich rannte trotzdem und verlor dabei die Hoffnung. Außerhalb der Altstadt gab es Hunderte schmutzige Gassen, in die ich ihm nicht folgen durfte.

Dieses Mal habe ich sie mitgebracht. - Eine Frau so anders als alles hier, so hell und blond und blauäugig. Aber sie ging tapfer mit durch die Altstadt. Die Häuser waren hier fröhlich und bunt. Der Ernst ihrer einstigen Bewohner, der Reichen und Mächtigen, war nicht mehr von Gewicht. Auf dem Hauptplatz hatte früher der Schandpfahl für die Sklaven gestanden. Jetzt ballten sich hier die Touristen. Dieses Reservat, ein UNESCO-Welterbe!, an dessen Rändern der Pöbel hauste, war ein Wunder, doch zu fremd für sie.

Auf der Polizeiwache wart ihr beide am Heulen.

Doch zuerst sah ich sie, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Ihre Hände lagen ungläubig am Hals. Und sie war immer noch sehr schön. Doch ich durfte nicht schauen, sondern musste dem kleinen schwarzen Rücken hinterher, der die Straße hinunter rannte. Die Ratte war schnell. Die Ratte warst du.

Es ging immer noch bergab. Doch du hattest gewonnen, wenige Schritte noch an restauriertem Kolonialbarock vorbei, dann waren wir umgeben von krudem Eigenbau aus Beton und Wellblech. Du bist in der Masse deiner Leute untergetaucht. Mich hat man nur verwundert, manchmal auch mit Verachtung angesehen. Keiner wollte mit mir sprechen. Ich gab auf.

Da kamen von hinten schwere Militärstiefel gepoltert und stürmten an mir vorbei.

Ich fand sie, ein wässriges Gesicht umgeben von fragenden, mitleidigen und spöttischen Augen. Die reiche Gringa, die nicht hierher passte. Nicht mich, dich klagte sie an. Als hätte ihre Wut Angst das Falsche zu tun.

Du kauerst am Boden. Wir können dich in dem Nebenraum sehen. Wenn sie dich schlagen, dann verschließen sie die Tür. Aber das ist ja nur der Anfang. Im Knast werden sie dir ganz anders mitspielen. Da wird dein liebes Kindergesicht dir nichts nützen. Im Gegenteil, alle werden versuchen es dir auszutreiben.

Habe ich kein Recht zu vergessen? Warum glaubst du, dass ich mich erinnern muss? Hat sie kein Recht auf mein Geschenk? Das hast du weitergegeben, bevor sie dich schnappten. Oder verschluckt. Sie werden dir den Magen auspumpen. Das haben sie ihr versprochen. Was hilft es, morgen früh fliegen wir ab. Oder du hast das Kettchen weggeworfen. Einfach so: aus Trotz, aus Bosheit ...

Sie kann ich wenigstens in den Arm nehmen. Ich übersetze, sie weint und wirft dir wilde Blicke zu. Das ist der Schock. Der geht vorbei. Und sie hat es ja wohl besser. Sie hat ja mich.

Beiden laufen euch langsam Tränen die Backen herunter. Ihr Kinder im Unglück, ihr Hänsel und Gretel und ich muss in den Ofen, muss brennen. Das ist großes Theater!

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