Aus der Reihe „Hallo in allen Sprachen dieser Welt:“ „A geh, griaß eich, dere! Servas, Hawaras!“ (Oder „Gfraster“? Hm. „Wursthaut“ ist ja bajuwarisch, von den „Rautenschneidern“, aber die Begrüßung soll aufgrund des Grazer Gastes, Stefan Schmitzer, steirisch sein. Anm. d. Prot.)
Verdichtet gesagt: War das am Montag wieder eine hohe Textdichte! Und hohe Beindichte – bis zu vier, bei Erika – und hohe Dichterdichte, selbst bei den Romanciers! Sowie gebührliches über-border-ndes Roaming, und ein – dem Spontan-Publikums-Preis der Anwesenden nach – Bachmannpreisträger-in-spe, aber: psst! Das Wort wurde vergällt, verpönt, verpökelt, vernongratiniert. Und obwohl alles deutschsprachig: Frau Holle die Waldfee / Percht, gibt es an unvermuteten Stellen – anders beim allseits bekannten Casus „Matura = Abi“ – Redewendungsabweichungen zwischen Ö und D, sag ich euch! Wie eine Nudeljacke, wie eine Teighose! Aber der Reihe nach, sprach einst eine Mathematikerin.
--- Eins: Ein Eins tieg.
"Das ist Erika, unser Literaspurhünd." – "Angenehm." – "Sie hat einen Sprachfehler: Wenn sie knurrt, während sie den Kopf in Deinem Schoß hat, heißt das, dass sie weiter gekrault werden möchte." – „Und wenn ihr mein Text nicht gefällt, beißt sie in der Position zu?“
"Das erinnert mich daran, wie sich unser Kind auf der Hundewiese ohne Vorwarnung mit vollem Karacho auf einen Kampfhund, Galactica, geworfen hat, der doppelt so groß und schwer war wie sie. Alle Beteiligten - inklusive der Kampfmaschine - guckten perplex, ohne zu reagieren."
"Und dann?"
"Naja, wie bei der Geschichte mit dem Presslufthammer und dem Ei: Hast Du gedacht, das Ei gewinnt? Nein, Quatsch: zum Glück alles gut, der Kampfhund hat dann einfach zurückgekuschelt."
„Seid ihr Team ‚mutig beim Ausprobieren neuer Eissorten, z.B. mit Kräuternoten‘ oder Team ‚ich vergleiche meine festen Eissorten quer durch die Dealer/Dielen?‘“ – „Bin nicht so der Süße. Aber apropos Teams: Ich bin ja normalerweise Team ‚kleiner Buchhändler‘, aber Bücher von Wortwerk-Kolleg:innen in kleinen Verlagen muss ich wegen langer Laufzeiten dann doch online bestellen…“
„Oh cool, etwas jazzige Saloonmusik zum Treffen! Aus welcher Box kommt die? Ach so, aus dem Biergarten…“
„Ein Neuer! Heißt Du Manuel, höhö?“ – „Rote Karte für diese WM-Anspielung!“ – „Die nimmst Du sofort zurück, sonst weise ich Deine Mannschaft aus! Jedenfalls willkommen! Ach, Du bist es, Tamás. Mit Bart und Mütze warst Du aber wirklich kaum wiederzuerkennen!“
„Wie verzweigt sich der Stammbaum des pegnesischen Blumenordens?“ – „Übrigens: die Mitgliederbeiträge sind deutlich moderater als beim PEN, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Also bitte gefälligst bezahlen! Nein, Du nicht, wenn Du gar nicht Mitglied dort bist.“
--- Zwei: Der schulische Weg
Bettina: „Ich belebe gerade ein altes Projekt wieder, das schon ein paar Jahre unvollendet in der Schublade ruht. Daraus will ich euch einen Dialog vorlesen. Ach, Coralie muss gleich aufbrechen? Gut, dann wird ihr Text vorgezogen.“
Die noch schulpflichtige Ich-Erzählerin berichtet von ihrer Freundin, die daheim keine Förderung beim Lernen erhält, im Gegenteil. Sie hilft ihr auch nur sporadisch, und steht nicht genügend für sie ein; macht sich dafür Vorwürfe, aber „ich erkenne immerhin die Linie.“ Wie immer einige Satzperlen wie "die Abwesenheit von Wörtern" (im bildungsfernen Elternhaus). Frage an die Runde: wie soll der Text sich weiterentwickeln?
„Genau, jetzt müssen die Charaktere etwas erleben! Aber was? Ein Drama auf einem Schulausflug?“
"Du kommst ja nicht aus einem bildungsfernen Elternhaus. Du müsstest Dich mit dem Thema nicht auseinandersetzen. Tust es aber. Allein das finde ich schon toll!"
Ausführliche Diskussion des Schulsystems, die gaußsche Glockenkurve auch bei Begabung, und wie Spannung ins Verhältnis der Protagonistinnen kommen kann: zieht die Freundin trotz mangelnder Förderung an ihr vorbei, da sehr begabt, vielleicht in einem Einzelfach wie z.B. Mathematik? Ein Zeitsprung, wie sie sich ein paar Jahre später entwickelt haben?
"Was mich interessiert: was hatte das Kind da auf dem Elternabend zu suchen?"
"Die Protagonistin, also nicht die Ich-Erzählerin, sondern die beschriebene Freundin aus dem bildungsfernen Elternhaus, solltest Du klarer herausarbeiten. Vielleicht ein Mathegenie? Bekommt sie wie bei ‚Good Will Hunting‘ mit Matt Damon und Robin Williams einen Guide zur Seite gestellt?"
„Also die Bekannte, die Personalerin bei Siemens ist, sagt, dass ihr Leute lieber sind, die sich durchgebissen haben.“ – „Zuversicht. Das ist das Wichtigste, was man Kindern mitgeben kann und muss.“
„Als Nebencharaktere vielleicht noch eine Art Good Cop / Bad Cop bei den Lehrern?“ – „Ja ja, die Lehrer:innen...“ … die Runde versinkt für ein paar Sekunden in Schweigen und Erinnerungen. „Man hat fürs Leben gelernt: Die schlechten musste man entweder ignorieren oder mit den zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen.“
„Mama, rufst Du mich dann an, damit ich auf dem Nachhauseweg weiter hier mithören kann?“ (Das Multimedia-Angebot der Wortwerk-Treffen muss definitiv ausgebaut werden! Anm. d. Prot.)
„Ja, ja, wenn Corali dereinst im Kultusministerium arbeiten wird, werden Kritiker:innen den heute besprochenen Text hervorziehen … die einen, denen ihre Reformansätze zu weit gehen, mit den Worten: ‚seht diesen alten Text von ihr, sie war schon immer Revoluzzerin!‘ ... die anderen, denen ihre Reformansätze nicht weit genug gehen, mit den Worten: ‚seht diesen alten Text von ihr, da hatte sie noch Feuer / Pfeffer / Eifer / whatever, aber jetzt?‘“
--- Drei: Bilateral dialogisch
„Jetzt aber Dein Dialog, Bettina!“ – „Wider den Konsensbrei. Es geht um die Geschichte von Jan und Antonia…“ - Die wahre Antonia: "Schön, dass Du Dir schöne Namen für die Charaktere herausgesucht hast!"
Die Journalistin versucht durch provokative Fragen, die makellose Fassade des Politikers einzureißen: „Mit Deiner Eloquenz und körperlichen Präsenz ist so eine glatte, überlegene Haltung ja auch keine Kunst.“
„Und die Frage an euch: Dieser Perspektivwechsel in der Mitte: Passt der so?“
„Jedenfalls ein sehr spannender Dialog! Ein Pokern, vorgetäuschte Provokationen und Arroganz… aber neben den beruflichen Interessen auch das private Flirten…“ – „Ja, klar, natürlich war das auch eine plumpe Anmache. Für Leser wie Dich sollte diese Erkenntnis auch durchscheinen.“ – „Ja, scheinbar scheinwahr.“ – „Der Dialog wirkt konstruiert, aber im positiven Sinne, als Stilmittel.“ – „Aber sagte Bettina nicht, dass es eine verdichtete bzw. gekürzte Mitschrift echter Gespräche ist?“
„Deine Protagonistin sagt irgendwann 'habest'". - "ICH als Autorin rede so, das passt.“ – „Naja, aber Deine Antonia nicht! Ich habe ihr das 'habest' nicht geglaubt. Nicht so radikal. Und wie alt ist die Ich-Erzählerin eigentlich? Von der Sprache her ziemlich jung.“ – „Nein, ich glaube, da haben wir den Kasus einer altersfälschenden allwissenden aber das Wissen nicht an die Leserschaft weitergebenden Erzählerin.“ – „Ja, aber die Bezeichnung 'Alt-Feministin' fiel doch?" – „Das könnte auch angelesen sein, aus Büchern des Vorjahrhunderts.“ – „Voll das Mansplaining hier.“
„Die Konstruiertheit der Dialoge erinnert an Erasmus Schöfer … kann ich jetzt gar nicht so wiedergeben, aber so der eine Stahlwerker zum anderen: ‚Willi! Was hältst du von den Beschlüssen des Ministeriums?‘ – ‚Ja, keine Ahnung haben die, oder?‘“ – „Stahlwortwerk. Gestähltes Wortwerk. Das Stahlwerk stahl Stahl oder eher das ‚Werk‘ von ‚Wortwerk‘.“ – „Die waren aber zuerst da. Und Stefan ist übrigens in der Band 'fun + stahlbad'“ – „Das erinnert mich an die Band Emma6, wo die in der Badewanne sitzen und singen...“ – „Zurück zum Text, bitte: Die Protagonistin fährt beim Provozieren ja eine Dreifachstrategie... der Flirtversuch verläuft ja auch sehr glatt...“ – „Nein, gar nicht!“ – „Doch!“ – „Oh!“
„Und wieso kam da jetzt ein 'Haha' bei der Erklärung zu ‚Heldinnenreise‘?" - "Weil ich als Erzählerin das zu profan und hier auch nicht richtig zutreffend finde.“
„Ich hätte gerne mehr Bilder und Beschreibungen in der Szene.“ – „Genau, wie bei Degenhardt: Im Eck steht immer ein kaputtes Auto.“ – "Später kommt eine Hafenlocation mit Containerschiffen, auf die beide Protagonist:innen mit Fernweh starren. Reicht das?“ – „Das ist dann Schweigen beim Fern-Sehen. Klassisches Bärchen- äh Pärchenverhalten." – "Aber ich möchte anmerken, dass es auch im Garten viele Bilder, Vergleiche, Metaphern gäbe..." - "Nein!" - "Doch!" - "Nein!“ – „Oh...der sie beobachten eine schwarze Witwe, die ihrem frischen Ex gerade den Kopf abbeißt..." – „Zum Glück ist das keine Demokratie. Sondern eine Autorin und ihr Text. Keine Bilder in der Gartenszene.“ – „Sie macht ihren eigenen Bildersturm.“
„Und wie bei der Jazzmusik hier im Hintergrund, die überhaupt nicht die Konzentration stört: Versuch noch zu variieren…“ – „Frage / Antwort, oder wie?“ – „Vielleicht eine Variante mit strikter Introspektive-Verweigerung, also komplett dialogisch?“ – „Das ist dann sozusagen eine gestellte Innenperspektive, was immer das auch heißt.“ - "Und sagtest Du vorhin 'Kater Murr' oder 'Katamor' und falls letzteres: was heißt das?"
(Du versuchst schon wieder unzuordnebare Notizfragmente in die angeblich stattgefundenen Dialoge zu mogeln! Anm. d. Red.) (Ich habe hier noch ein „Ich muss ihn in Schutz nehmen, wir hatten eine Zugverspätung wegen meiner Zum-Zug-Verspätung“ / „nein, er hat sich nicht schützend vor den Zug geworfen.“, das ich zeitlich und personell klar zuordnen kann, aber da passte es im Protocollage-Fluss grad nicht… Anm. d. Prot.)(Moment. Du versuchst hier ja immer eine Art Echtzeitablauf-Mitschrift ohne fancy Zeitebenen-Sprünge und so, und schaffst es dann nicht, das Mitgeschriebene an der richtigen Stelle einzuordnen? Wie schafft man das denn? Du schaffst mich … Anm. d. Red.)
"Jedenfalls drücke ich die Daumen für die Veröffentlichung dieses tollen Textes!" - "Habt ihr gehört? Lob von Stefan! Das ist was fürs Tagebuch." - "Na, na, diese Darstellung, also dass ich im Allgemeinen und im Speziellen Dich selten lobe, muss ich aufs schärfste kritisieren...“ – „Daher kommt der Spruch: Lob und Kritik liegen oft dicht nebeneinander.“ – „Oder Gelobte:r und Kritiker:in…“
--- Vier: Viererkette zensiert.
Nein, das wird erst fünf, denn wieder eine aufbruchszeitbedingte Rochade, Tamás: "Ich muss zum Zug, also lese ich. Teil Drei meiner Reiselyrik." – „Die solltest Du dann im Zug den Mitreisenden auch noch mal vorlesen, ist dann authentisches Setting und so …“
„Wie heißt das bei Steinen, wenn innen das funkelnde Dings? Druiden? Drüsen? Düsen? Drusen? Damnit. Jedenfalls fantastische Stellen wie das ‚ich wurde angespült‘, obwohl ja angereist … aber darum herum noch ein paar wegzuschleifende Rohstellen ... also zu ottonormalformulierte… etwa die Lebensfreudereanimationshoffnung.... und die ‚zarte Brise‘... das ‚und dann‘ wie bei einem Prosatext... und dann wieder fantastische Stellen ...“ – „Druiden...“ – „Klappe. Stellen wie ‚der Rhythmus, der nicht gehört, sondern bewohnt‘ wird ... und beim 'unendlich deutsch' mussten ja alle lachen ...“ – „Genau, da sind wir wieder beim ‚es gibt deutsch deutsch und richtig deutsch‘, wie Stefan vorhin sagte ...“ – „… nur beim 'Ort wie ein offenes Herz' ist mir als Medizinerinnen-Söhnchen nicht ganz klar ob positiv weltoffen oder klaffende Wunde gemeint...“
„Manches weiß ich auch nicht mehr, Erlebtes verblasst nach einem Jahrzehnt...“ –„Deshalb immer Notizbuch oder Handy dabei und live dichten, wie bei Tiefkühlgemüse bleiben dann die Erinnerungen frisch.“ – „Gemüse hat Erinnerungen?“ – „Nein, ich meine ... Blödmann.“ – „Dann schon bitte Gemüsebezug: ‚Du Erbsenerzähler bist dumm wie Bohnenstroh!“ – „Wichtig ist jedenfalls: die Balance zwischen schön und kitschig ist ein messerscharfer Grat... wenn wir nur Postkartenmotive mitkriegen, knirschen wir mit den Zähnen...“ – „Genau, Erika: Fass!“ – „Die ist doch schon weg. Außerdem überwiegen im Text ganz klar die Dru-Dinger.“ – „Also mehr das Empfinden wiedergeben.“ – „Ja, aber das ist sauschwer... eventuell umdrehen: erst ein Bild suchen, und dann die Bedeutung dazu.“ – „Ja, wie beim Anspülen ... das auch einen Bezug zu Bootsflüchtlingen hat ... da bleibt das Gefühl der Verlorenheit bei den Hörer:innen erhalten, auch nachdem es sich aufgeklärt hat, dass der Erzähler nur normal angereist ist und ein 'hat es mich hierher verschlagen' gemeint hat.“ – „Der verschlagene Erzähler…“ – „Sei still, Du Lauch.“ (Anm. des imag. Justitiars: „Teile der stattgefundenen Dialoge könnten die Leser:innen verunsichern“… pardon, falsche Textkonserve… „Die Dialoge fanden sehr zivilisiert statt und wurden vom Protocollagisten aus stilistischen Gründen nachträglich zugespitzt. Und vielleicht hieß das statt ‚Du Lauch‘ auch ‚Durchlaucht‘. Daraus ergäbe sich dann eine komplett andere…“)(Du bist noch langatmiger als mein Protocollagist. Anm. d. Red.)
---Fünf: Angespülte Drusen klaffen
(die ganzen Ankündigungen mit anschließend geänderter Wagen- und Vorlesereihung haben den Protocollagisten offenkundig durcheinander gebracht. Wir bitten um Entschuldigung. Anm. d. Red.)
"Jetzt aber zu dem aufblasbaren Elefanten im Raum, der angeblich im Vorfeld stattgefunden habenden Zensur von Pauls im Vorfeld per Mail verteilten Drehbuchentwurf. Beziehungsweise dem Vorwurf, dass er ihn hier nicht vorlesen darf."
"Ich habe den Text nicht gelesen, aber das Video angesehen.“ – „Ein Video zum Text?“ – „Nein, da war noch ein Link zu einem Musikvideo, also einem zweiten Thema. Und das ist wenigstens Kunst, während das Drehbuch ja vom Autor selbst bereits in der Begleitmail abgewertet wurde!"
"Wie jetzt: Fand oder findet da wirklich Zensur statt? In dieser Runde? Ich bin entsetzt." - "Mooooment. Ich habe ihm - in einer PM, wie man da heute sagt ...“ – „… früher war das ein Populär-Wissenschaftsmagazin ...“ – „... ich habe ihm in einer direkten Nachricht Feedback gegeben. Aber das heißt doch nicht, dass er nicht vorlesen darf!“
„Also, dann lies vor!“ – „Nein!“ – „Doch! Denn sonst war doch der ganze Kampf für die Meinungsfreiheit zum Teufel!“ – „Nein, es ist ja auch kein Text, sondern ein Pitch, und schnell erzählt, eine 90-Minuten-RomCom vom Fließband, zwei Paare, erst sind die falschen zusammen, später die vom Publikum schon von Anfang an gefühlt richtigen.“
„Ich bin mir sicher, in irgendeinem How-To zu Pitches steht, dass man begeistern soll, nicht schlechtreden.“ – „Klingt aber wirklich wie 0/8/15. Können die Männer nicht schwul wirken oder sein? Das macht die Viererkombo interessanter.“ – „Und es gibt so viele interessante Subgenres! DystRom, DarkRom nicht zu verwechseln mit Dark Room, RomDrama bzw. Dramedie, Romantasy, Chick Lit, New Adult, Fake Dating, Screwball, Romantic Heist..."
„Ich habe es schon gelesen, aber die Charaktere sind mir zu sehr durcheinandergepurzelt und die Namen zu ähnlich ... da hatte ich keinen Anker...“
"Die Zielgruppe sind so etwa 35jährige Frauen..." - "Also, meine Töchter sind in dem Alter, die gucken hochintelligente Serien, nicht so plakatives ..."
"Ich glaube, wenn man das auf einen Kurzfilm in der Länge eines Werbespots eindampft, wird es ein richtig gutes Kunstwerk."
"Was meinst Du mit 'Drehbuch-Krankheit'?" - "Na, wenn der Drehbuchautor schon auf Seite 2 weiß, wo er auf Seite 90 hin will." - "Das ist doch kein Beinbruch!" - "Genau! Ich muss auch gestehen, auch ich als Lyriker mit Anspruch habe Spaß an solchen Filmen... die Chemie der Charaktere und des Settings zu erspüren …" - "Jaja, 'Plot Armor', die Logik von Drehbüchern bzw. der Schutz von fiktionalen Charakteren durch den Autor... sie überleben selbst tödliche Situationen." - "Bei ihm aber Plot Amour."
„Jedenfalls habe ich Spaß an Serien wie ‚Person of Interest‘, wo die KI Überwachungskameras monitort und anfangs nur Sozialversicherungsnummern von Opfern und Tätern ausspuckt. Und die Maschine dauernd nachdenkt, aber immer fehlerhafter, immer abstrahierter... so nach dem Motto ‚now i make a sadistic remark‘“
„Gibt es schon einzelne ausgearbeitete Szenen von Deinem Drehbuch?“ – „Ja, fast zweihundert Seiten sind fertig.“ – „Dann bring das nächste Mal bitte eine konkrete Szene mit, zu der Du Feedback möchtest.“ – „Ja, und zwar eine, die Dich selbst begeistert!“
---Sechs: „Flussfrau“ - Die, deren preisgetragener Name nicht genannt werden darf
Und last but not least: Stefan! Lyriker goes Romancier!
„Was ich gleich vorlese, ist keine Stelle aus dem Roman, also der eigentlichen Romanhandlung, sondern aus einer Zwischenszene... in solchen Zwischenszenen spielen Kinder, die nicht direkt Protagonist:innen sind, immer irgendwelche Spiele… Spiele, die die Handlung auch nicht erklären oder kommentieren. Also ein eher planloser griechischer Chor. Sie spielen auch keine bekannten, realistischen Spiele, sondern z.B. ‚Lager und Insasse‘ oder –wie hier in der Szene – ‚Podiumsdiskussion‘. Also, das, was sie davon verstehen. Aber trotzdem ist die Sprache komplex, Laudationester in D/E/F (also nachgeä-fft? Anm. d. Prot.) also gar nicht die reelle Kommunikation der Kinder, das kann nicht sein, dafür zu komplex, und dann tritt die Stimme des Autors auf.“
(Und all das vom Autor erläutert, wohlgemerkt... während man dann irgendwann merkte, dass er schon vorliest... im ersten Moment denkt man dann als Zuhörer noch, dass er begleitende Erläuterungen also quasi die Packungsbeilage vorliest, aber dann wird einem klar, dass es sich schon um den eigentlichen Text handelt und dann fragt man sich als Protocollagist: wie soll man das einfangen / dem geneigten eigenen Pisa-Publikum geeignet rüberbringen? Anm. d. Prot.)(Selbstreflektion / Selbstkritik des Protocollagisten … das muss ich mir im imaginären Tagebuch / Kalender markieren... aber es stimmt wohl: Ich habe auch andere protokollierte Aussagen imaginärer Zeugen, dass Stefans Performance un(er)fassbar unwiedergebbar war. Anm. d. Red.)
Aber quasi Dark Romance (schnell den Kopf einziehen! Anm. d. Prot.), da ein Werwolf und ein Moloch (ich glaube das ist auch eine Fantasy-Figur? Anm. d. Prot.) vorkommt, kiffende Staplerfahrer, die von leeren Feldern nach Italien brettern, und ein – in echt oder zumindest nicht in der untersten Handlungsebene – sterbender Vater. Als wisch i wasch i wusch ig Haus-Hof-HNO-Protocollagist muss man – zumindest psychologietechnisch – noch weniger recherchieren als als Lyriker. Hals. Alls.
Und die schneidende, hirnverätzende Sozialkritik – eventuell lässt da Stefans Theaterstück „Schiffbruch mit Zuschauer“ grüßen – dass die Fische ertrunkene Flüchtlinge gefressen haben und wir essen jetzt den Fisch... auch Kannibalismus überspringt Generationen. Und wir sind immer noch bei „das ist ein Kinderspiel, das Menschsein!“
„Das war ein Parforce-Ritt! Wow! Ultrametareflektiert. Was für eine Kraft, was für eine Energie im Text und im Vortrag!“ – „Der mit dem Werwolf tanzt, was, Antonia?“ – „Und dass sich alles abstrakte in den Büschen versteckt… aus den Augen, aus dem Sinn… genial.“
„Die ‚Ränder der Welt‘. Und des Verständnisses. Und des Textes. Und des Geistes. Und der Soziokulturinteraktion! Der ganze Text und Vortrag war wie eine breakdancende Matrjoschkapuppe geschachtelt und ist vor unseren Augen und Ohren explodiert. Ich bin noch ganz geflasht.“ - „Also, mir geht es nach dem Text jetzt schlechter. Mit dem Wissen um die Weltsorgen kann man nicht mehr fröhlich unbefangen auf Kinder schauen.“ – „Oder Fische.“ – „Oder Boote.“ – „Oder … Apfelkrapfen.“ – „Ein Text mit Sollbrechstelle. Aber nicht den Boten köpfen du sollst. Außerdem wusstest Du das doch vorher schon, wie schlecht wir die Welt unseren Kindern hinterlassen?“
„Die ganzen Verfremdungen und Ebenen … mit dem Papiersack und so…“ – „Da stand auch die Entfremdungsszene von Twin Peaks Pate.“ – „Oder die vom Paten?“ (oder vom unsympathen Antipoden? Mein Silbeninterpretationszentrum in der OI geht hui!nüber… Anm. d. Prot.)(Das Arbeitszeitgesetz gilt auch für die Kunst. Pause! Anm. d. Red.)(Denn die Frage ist: Wem hat Wessen oder Hesses Werwolf denn jetzt geschadet oder wen gebissen? Wen wenn wennn. Die Römer und ihr scheiß Lokusativ, wie ich im Lateinunterricht immer provokativ gesagt habe… Anm. d. Prot.)(Du hattest nur Asterix. Kann mal jemand in der Suchmaschine oder KI ‚Symptome und Behandlung Hitzschlag oder Schmitzerschöpfung‘ eingeben? Danke. Anm. d. Red.)(Mama, kannst Du mich anrufen? Oder können wir irgendwas spielen? Cluedo oder Imposter oder Pantomimikri oder Psychotherapie? Anm. d. Prot.)
„Definitiv ein Bachmanntext! Genau diese Szene! Genau in dieser Performance!“ – „Du bist wie der fatalistisch-humanistische Günter Eichberger...“ – „Ja, das ist eine Nudel, ein Teig“ (für Nicht-Österreicher: "Jacke wie Hose" Anm. d. Red. Und das heißt übrigens „Redaktion“ und nicht „Red Bull“. Ach, das kommt ja erst weiter unten. Verdammt, jetzt hat Schmitzers Werwolf auch mein Hirn erwischt, dabei waren das doch Zombies, die das essen… Wenn also die Fische die Hirne der Fliehenden und wir die Fische sind wir die Zombies…)
(Ah, wenn die Red / Frau Perchta / Holle / Controlletti ach das kommt ja auch erst weiter unten egal gerade außer Gefecht ist, kann ich hier ja schnell noch weitere Fragmente platzieren: „Die Bachmann-Preisträgerin Natascha Gangl und ihre Klangcomics...“ – „ja, für Deine Grazer Ohren klingt es anders“ – oder ticken da die Uhren anders? Anm. d. Prot.)
"Ich muss sagen, ich hatte beim Zuhören die schreckliche Freude, die Du beim Vorlesen hattest." - "Das kannst Du nicht wissen, aber danke!“ – „Da der Vortrag sehr dynamitisch und extra versiert extrovertiert serviert war, wird er für diese Erkenntnis nur ein Mindestmaß an Empathie – das er stets übererfüllt! – benötigt haben.“
„Bitte nichts erklären! Aber unser üblicher Variationsvorschlag: statt dessen mit Kinderstimmen – echt oder von Dir nachgemacht – vortragen, wie eine Art Hörspiel?“ – „Verstehe. Hm. Das wäre dann deutlich schwerer umzusetzen, aber das würde die fünf Ebenen aufdröseln, inklusive Spiel, Autorenstimme, was die Kinder tatsächlich machen und wo ich mich verzettele. Wie eine Collage.“ – „Dein Text erinnert mich an Arno Schmitt, aber plus Selbstironie, als Stimme/Ebene selbst mit drin. Humorvoller Ekel ist auch eine Ebene.“ – „Das wird ein großes Buch in einem großen Verlag! Und die Passage ist Bachmann-Preis-würdig!“ – „Könnt ihr bitte mal mit Bachmann aufhören?“ – „Okay, okay...“ (zwei Sätze später) „Dass der Rest noch nicht fertig ist, macht nichts. Wichtiger ist erst die Show beim Bachmannpreis, um den Verbrauch anzukurbeln.“ – „Du meinst Umsatz. Aber ‚Kunstverbrauch‘ ist auch nicht schlecht.“
„In dem im Roman beschriebenen Ort kommt auch ein Tor zur Unterwelt vor. Und die Perchta - für mitteldeutsche Ohren: Frau Holle, also die Arbeitsqualitäts-Überwacherin –schimpft den Bürgermeister.“ – „Ein perfekter Antiheimatroman!“ – „Es kommen zwei Josefs vor, und eine Quote von zwei gescheiterten Patriarchen auf einen erfolgreichen...“ – „… was immer das auch heißt…“ – „… sowie ein Red Bull Sportler. Der kentert und lernt einen Flüchtling kennen.“ – „Ist der beschriebene Ort Frohnleiten?“ – „Nein, das wäre zu idyllisch mit seinem beheizten Marktplatz, aber die Dunstkreis-Entfernung zu Graz passt in etwa…“ – „… die haben den beheizbaren Marktplatz ja durch die Mülldeponie.“ – „Wie, Fernwärme durch Müllverbrennung?“ – „Nein, dadurch finanziert. Die Fernwärme entsteht meines Wissens durch Kadaververbrennung.“ – „Na, lecker. Das erinnert mich an den süßlichen Geruch der Tierkadaververwertungsanstalt bei Gunzenhausen …“ – „Ja, einfach Brötchengeruch drüber …“ – „So ein Kaiserschmarrn.“
--- Sieben: Wir Faden fädeln to grey/gray/gräy/gäy
„Echt, oder? Diese Alpen-McGuyvers… kein Weitblick, aber superkreative Problemlösungen!“ – „Als ob wir hier Weitblick hätten … politisch und sozial …“ – „Spieglein an der Wand: Sind da überall Bilder dahinter versteckt wie hier ersichtlich, wo der Spiegel fehlt? Wir sollten nachschauen!“ – „Im Vertrag steht aber: ‚hinterlasse wie vorgefunden‘ …“ – „Den kriegt jeder von uns fürs Globalgalaktische schon im Krankenhaus ausgehängt, aber wer liest als legasthenisches analphabetierisches Baby das Kleingedruckte…“
„Nein, ich war bei gestrigen Treffen des pegnesischen Blumenordens nicht dabei, ich bin da nicht Mitglied, auch wenn ich vielleicht wie ein prototypisches Blumenkind aussehe…“
„Und sonst so, wie ist Dein Leben außerhalb dieser nonanonymen Selbsthilfegruppe, außerhalb der Literatur? Gebrauchstexte verfassen? Okay, das ist mit am dichtesten dran.“
„Die Varianten der Kreuzschifffahrt: Gay Cruise: sexuelle Orientierung. Grey Cruise: Rentner-Kahn. Metal Cruise: Metal Fans. Lustig, wenn es bei denen ein Holzboot wäre. Und zwischen allen Schnittmengen.“ – „Genau, und Tom Cruise.“ – „Hauptsache, nicht Kreuzfahrer.“ – „Apropos Kirche: Ihr habt hier in Nürnberg die schönste protestantische Kirche, inklusive Reliquie … obwohl die Führerin das bestritten hat.“ – „Tja, wir waren die ersten, die progressiven Protestanten, ganz vorne mit dabei, da macht man beim Bildersturm schon mal Fehler, sozusagen Bildfehler.“ - „Und wie die Humanistin und Äbtin Caritas Pirckheimer damals: ‚Nix da, das Kloster wird nicht aufgelöst. Meine Nonnen bleiben!'“
"Wie heißt noch mal der Autor, der schon seit Ewigkeiten an der Weltrevolution schreibt? Und immer sooo dicke Ziegel…." – „Der Ort hier, wo wir heute waren, das ‚Komm‘, ist ein ein altehrwürdiger linker Ort… 1981 und 1987 Akte von Polizeigewalt, ein klares Qualitätsmerkmal, aber mittlerweile ist es auch nur noch das PS der Weltrevolution.“
„Und er ist Redakteur bei ‚Perspektive‘. Ich kann dir ein paar leihen.“ – „Nein, er soll abonnieren!“ – „Keine Sorge, wir leihen es doch nur, um ihn anzufixen.“
„Gestern beim Blumenorden war ausführlichst das Thema, mit wem man ins Bett gehen muss, um im Literaturbetrieb erfolgreich zu werden. Das haben unsere jugendlichen Schriftstellerinnen begierig aufgesogen.“ – „Die ganze feministische Erziehung in wenigen Sätzen beim Teufel.“ – „Ich habe jetzt übrigens eine Agentin, aber ich habe es noch niemandem erzählt.“ – „Cool, sozusagen eine Geheim-Agentin! Glückwunsch.“
Der Protocollagist hat seine ToDos abgearbeitet (Perspektive-Abo bei perspektive at abgeschlossen und „Ausfahrt Niemandsmeer“ von Bettina (das ist noch nicht das im heutigen Treffen besprochene Werk, aber das aktuelle, frisch erschienene) bei kulturmaschinen com bestellt.) Werbeblock: bitte nachmachen! : -)
Liebe Grüße Jogi
PS: Ich kann zwar nur für die BRD sprechen, aber im Übrigen bin ich weiterhin der Meinung, dass Frau Reiche, Herr Spahn und Herr Merz, aber vor allem erstere, täglich zum Rücktritt aufgefordert werden sollten.

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